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Pfarrer Christian Fischer während des Interviews mit Medienhaus-Redakteur Olaf Dellit im Medienhaus der EKKW in Kassel.

Pfarrer Christian Fischer während des Interviews mit Medienhaus-Redakteur Olaf Dellit in Kassel.

Kassel / Fragen: Olaf Dellit & Christian Küster
Veröffentlicht 13 Jan 2026

Pfarrer Christian Fischer nimmt Abschied und blickt auf eine lange Zeit unter anderem als Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), als Radiojournalist sowie als Leiter des Medienhauses und zuletzt auch der Stabsstelle Kommunikation der EKKW zurück. Im Interview spricht er über den Medienwandel, die Anfänge der Internetseite und über das, was im Beruf so richtig Spaß gemacht hat – und was nicht. 

Der „Pfarrer und Journalist Christian Fischer“ übernimmt die Leitung des Medienhauses der EKKW, hieß es in einer Mitteilung 2014. Was trifft es eher, Pfarrer oder Journalist?

Christian Fischer: In dieser letzten Phase der Tätigkeit als Stabsstellenleiter würde ich eher eine Gewichtung bei dem Pfarrer sehen. In den Jahren zuvor hingegen, gerade in den Anfangsjahren mit Internet, Radio etc. sehr viel stärker der Journalist. Es hat sich immer gemischt, aber zum Schluss wurde doch der Pfarrer wichtiger.

Damals wurde das Medienhaus in dieser Form erst gegründet. Man wollte besser für den Medienwandel gerüstet sein. Ist das Konzept aufgegangen?

Fischer: Im Großen und Ganzen ja. Ich will das mit zwei Entwicklungen begründen. Wir hatten eine sehr komplexe Öffentlichkeitsarbeit mit vielen Bereichen, die sehr unabhängig voneinander gearbeitet haben. Das stieß an Grenzen. Durch die Haushaltsbeschlüsse wurden auch Stellen gestrichen, die Redaktionen wurden immer kleiner und es gab einen großen Bedarf, endlich mal gemeinsam zu denken und diese Redaktionsgrenzen zu überwinden. Das war gar nicht so einfach, weil es alle gewohnt waren, in ihren Kästen und Zielgruppen zu denken.

Aber ich würde sagen, dass es gelungen ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen und die Synergien endlich zu nutzen. Noch stärker kam das zur Wirkung, als die Stabsstelle vereinigt wurde, zusammen mit dem Projektmanagement, der internen Kommunikation und der Pressestelle.

Portraitfoto von Pfarrer Christian Fischer - Foto: medio.tv/Schauderna

Zur Person

Christian Fischer (63) ist Pfarrer und Journalist. Er hat in Frankfurt/Main, Mainz und Hamburg evangelische Theologie studiert. Nach dem Vikariat in Maintal ließ er sich zum Journalisten ausbilden, unter anderem bei der Frankfurter Rundschau und beim Evangelischen Pressedienst (epd).

Später war er Medienbeauftragter im Sprengel Kassel, ab 1993 Privatfunkbeauftragter und ab 1999 Internetbeauftragter der Landeskirche. 2014 übernahm Fischer die Leitung des Medienhauses, 2020 die Leitung der Stabsstelle Kommunikation. 

Zu Ende Januar beendet er seinen aktiven Dienst und geht zunächst in ein Sabbatjahr und dann in den Ruhestand.

Neben Deinem Abschied gibt es noch einen Interviewanlass: Vor 30 Jahren ging ekkw.de an den Start. Heute unvorstellbar, aber es gab keine landeskirchliche Internetseite. Wie war das seinerzeit?

Fischer: Ich war damals vor allem für den privaten Rundfunk zuständig und wir beobachteten, dass bei den Sendern nicht mehr so viele Hörer anriefen, sondern auf einmal viele E-Mails eingingen. Auch unter den Redaktionen in Deutschland nahm der E-Mailverkehr zu. So lernten wir das Internet kennen. Dann kamen die ersten Webseiten auf und alle fragten: Warum habt ihr keine?

Aus diesem Grund habe ich damals mit einem Schüler und mit einem Medienpädagogen zu dritt eine Mini-Redaktion gegründet, die jede Woche zusammensaß und überlegte: Wie können wir das hinbekommen? Nach einem halbjährigen Vorlauf haben wir, begleitet von der EKD, ekkw.de online geschickt. 1996 waren wir damit als Landeskirche ganz früh dran.

Mini-Redaktion zum ekkw.de-Start 1996 (v.l.): Schüler Jonas Pasche, Pfarrer Christian Fischer und Medienpädagoge Gerhard Jost

Mini-Redaktion zum ekkw.de-Start 1996 (v.l.): Schüler Jonas Pasche, Pfarrer Christian Fischer und Medienpädagoge Gerhard Jost

Das Spannende an dem Konzept war, dass wir sehr theologisch gedacht haben. Wir haben uns zum Beispiel wöchentlich zusammengesetzt und eine Bibelarbeit zu einem Wochen-Psalm gemacht. Diesen Psalm hat der kreative Schüler dann spannend grafisch gestaltet und wir haben ihn zum Mittelpunkt unserer Webseite gemacht. Das war ziemlich einmalig und hat auch viel Resonanz gefunden. So ging das Ganze los: wild, spontan, ohne Struktur.

Wie hat sich die Seite im Lauf der Zeit verändert? Was ist heute anders als vor drei Jahrzehnten?

Fischer: Heute ist es die offizielle Internetpräsenz der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, das beschreibt schon ein bisschen die Veränderung. Die Internetseite steht für die Landeskirche, ihr Gesicht im Internet nach außen. Insofern ist es nicht eine kreative Ecke einer einzelnen Redaktion, sondern sie soll diese Landeskirche abbilden. Viele, viele Menschen sind da zu beteiligen. Heute sind es letztendlich weit über 80 Personen, die dieses Programm füllen.

Ein bisschen verlorengegangen ist das Wilde und das Verrückte. Hinzugekommen ist dafür eine große Seriosität, eine Klarheit in der Recherche und eine eigene journalistische Verantwortung. So bildet ekkw.de heute einen ganz wichtigen Baustein in der Öffentlichkeitsarbeit.

Gibt es ein Lieblingsprojekt oder eine überraschende Erfahrung mit ekkw.de, die Dir besonders im Gedächtnis bleibt?

Fischer: Am lustigsten fand ich den Start. Wir hatten hier im Haus noch nicht mal Server, mit denen wir die Umsetzung bewerkstelligen konnten und haben das daher bei dem Schüler im Computerraum der Schule gemacht. So haben wir  im Kasseler Engelsburg-Gymnasium  unsere landeskirchliche Website gestartet.

Besonders stolz waren wir auf unseren Veranstaltungskalender, den wir stark beworben hatten und zu dem viele Leute schon etwas eingesandt hatten. Und da passierte uns ein echtes Malheur: Durch einen kleinen Programmierfehler wurden alle Veranstaltungen der Landeskirche - ob mit 500, 100 oder drei Leuten – in die Schnepfenkapelle in Großenlüder-Oberbimbach verlegt, wo maximal fünfzig  Leute reinpassen. Das war ein echter Schock für uns damals, der für mich immer noch verbunden ist mit diesem Online-Start 1996. Ein Tag darauf war der Fehler behoben. Später haben wir darüber gelacht.

Es kommen immer neue Medien hinzu, gerade im Social-Media-Bereich. Die KI stellt uns vor ganz neue Fragen. Gleichzeitig haben bewährte Medien wie Radio und Print nach wie vor ihr Publikum. Und durch die Großveranstaltungen wie Kirche auf dem Hessentag werden Menschen ganz persönlich angesprochen. Das Geld, das kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung steht, schwindet aber. Schwierig, oder?

Fischer: Die Frage nach der Zukunft wird oft verengt auf die Frage nach den Ressourcen, das heißt: Wie viel Geld und wie viel Personal stehen zukünftig noch zur Verfügung? Entscheidender ist meines Erachtens die Frage, wie wir zukünftig Aufmerksamkeit für unsere kleiner werdende Kirche erreichen können. Da spielen Ressourcen eine Rolle. Aber mindestens genauso wichtig finde ich Kreativität, Engagement und auch Mut, mal ganz andere Wege zu gehen.

Also mir ist nicht bange, dass wir auch angesichts abnehmender Ressourcen noch eine gute Rolle in der Medienlandschaft spielen können.

Heißt das, es braucht mehr Provokation, um durchzudringen – oder anders gefragt: Sollte kirchliche Kommunikation lauter und konfrontativer werden?

Fischer: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen würde ich aus voller Überzeugung sagen: Ja, denn wir drohen, überhaupt nicht mehr wahrgenommen zu werden. Und das wäre das Allerschlimmste. Zum anderen habe ich mit dem Kino-Spot „Die Zeiten ändern sich“ 1996 in Kassel auch die Erfahrung gemacht, dass man sich viel Ärger und Gegenwind einhandelt, wenn man laut wird.

Da ging es um Tattoos, um Piercings und um ein Kreuz.

Fischer: Richtig. Wir wollten Jugendlichen zeigen: Kirche ist für dich da, auch wenn du ganz anders drauf bist. Er endete mit dem Satz „Die Zeiten ändern sich“. Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt, dass es ganz schön hart ist, wirklich mutig zu sein. Trotzdem würde ich sagen: Bitte immer wieder mal die Grenzen überschreiten!

Das Medienhaus arbeitet nach journalistischen Standards, ist aber Teil der Kirche und nicht unabhängig. Die Pressestelle hat nochmal einen anderen Auftrag. Wie bist Du mit diesem Widerspruch umgegangen?

Fischer: Die Frage nach dem Selbstverständnis der kirchlichen Medienarbeit stellt sich schon seit den 60er-Jahren.  Damals hat man gefragt: Brauchen wir eher eine unabhängig organisierte Publizistik, die auch mal im Gegensatz zur Kirche eine eigene Meinung vertritt? Oder ist es eher Öffentlichkeitsarbeit und PR im Sinne der Kirche? Früher war die Meinung vorherrschend, es solle ein kritisches Gegenüber zur Kirche sein. Das kann man man auch verstehen. Die Kirche war groß, sie war Mehrheitskirche, sie hatte kaum Player, die ihr einen kritischen Spiegel vorhielten. Das hat sich komplett geändert.

Wir sind heute eine Minderheitenkirche. Uns bläst der Wind der öffentlichen Meinung manchmal scharf ins Gesicht. Insofern neige ich heute eher dazu, zu sagen: Wir brauchen intern Solidarität und Stärkung, um uns gut  nach außen vertreten zu können. Wir brauchen weniger eigene, kritische Publizistik, aber eine mehrstimmige Öffentlichkeitsarbeit, die innerhalb der Kirche sehr vielfältig aufgestellt ist. Wir brauchen viele Blickwinkel in der Öffentlichkeitsarbeit. Das wäre für mich die richtige Aufstellung für die Zukunft.

Medien sind ja nur Transportmittel. Was ist für Dich der inhaltliche Kern unserer Arbeit?

Fischer: Ich glaube, Öffentlichkeitsarbeit wird sehr oft darauf verengt, Werbung für die Institution Kirche zu machen. Darum geht es mir weniger. Wir als Kirche haben den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen: Gott ist die Liebe. Gott ist bei den Schwachen. Gott eröffnet neue Anfänge angesichts ganz verrückter Situationen. Das möchte ich gerne transportieren. Das Medium ist mir dabei relativ egal. Insofern können wir auch getrost sein bei allem, was sich verändert. Es gilt, in welchem Medium auch immer, genau diese Inhalte zu rüberzubringen.

Du hattest den öffentlichen Diskurs anklingen lassen. Welche Rolle sollte die Kirche da spielen und schafft sie das auch?

Fischer: Mich erschreckt ein bisschen, dass die abnehmende Bedeutung von Kirche viele Menschen - auch in der Kirche -  sehr traurig und ratlos macht. Das ist verständlich und es geht mir manchmal auch so, aber eigentlich ist es völlig unbegründet. Wir sind in der Kirche nicht in erster Linie unterwegs,  um Vorgaben bei den Einschaltquoten zu erfüllen. „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen:“ (Matthäus 18,20) Warum freuen wir uns nicht an den zweien oder dreien? Und bauen das dann aus und entwickeln so eine Freude daran, dass automatisch die nächsten vier, fünf, sechs dazukommen?

Spielen wir mal Wünsch-dir-was: Wenn Du so viel Geld für kirchliche Kommunikation hättest, wie Du möchtest – wie würdest Du es einsetzen?

Fischer: Verlockend ist natürlich der Gedanke, zukünftig viel mehr Geld und Personal in die Stabsstelle Kommunikation zu stecken. Getreu der Devise: In der Krise musst Du in die Kommunikation investieren, sonst hast Du bald alles verloren, weil Dich keiner Dich mehr kennt. Aber Kommunikation ist auch eine Aufgabe unserer gesamten Kirche und jeder Gemeinde. Daher finde ich den Gedanken ebenso reizvoll, die Basis in den Gemeinden optimal auszustatten und die Menschen dort zu befähigen, eigene Akzente zu setzen. Je mehr Freude an der kommunikativen Aufgabe haben, desto mehr Menschen werden wir erreichen.

Und vielleicht noch ein persönlicher Rückblick: Was hat Dich an der Aufgabe so richtig genervt?

Fischer: Natürlich hat es manchmal genervt, dass der Tag oft sehr fremdbestimmt ist: Termine, Konferenzen, Absprachen, Personalgespräche. Es gibt ja kaum Zeit, um in der Stabsstellenleiter-Aufgabe noch große eigene Akzente zu setzen oder Freiräume zu entdecken.

Und was hat so richtig Freude gemacht?

Fischer: Am meisten Spaß gemacht hat mir die Zusammenarbeit mit den vielen Mitarbeitenden. Die sind alle ganz anders, jeweils einzigartig und für mich sehr wertvoll. Mit Perspektiven, an denen ich mich oft gerieben habe, aber die ich total inspirierend finde. Das wird mir wirklich fehlen.

Fällt Dir eine Situation ein, wo Du gedacht hast: Hier haben wir als Kirche kommunikativ vieles richtig gemacht?

Fischer: Wir hatten in den letzten Jahren wirklich sehr schwere Aufgaben zu bewältigen, zum Beispiel die ganze Frage der Missbrauchsfälle. Da habe ich eine Landeskirche und eine Kirchenleitung erlebt, die den Kurs der vergangenen Jahrzehnte komplett geändert hat, hin zu einer offensiven Aufarbeitung  und zu Präventionsbemühungen. Wir haben offen kommuniziert und uns damit dem Risiko ausgesetzt, auch schwere Vorwürfe zu bekommen. Ich glaube, das hat sich gelohnt. Bisher haben wir von außen mehr Lob für diese Art der Kommunikation erhalten als Tadel. Darauf bin ich ein bisschen stolz, das heißt weniger stolz auf mich, sondern stolz auf unsere Kirchenleitung und auf unsere Bischöfin, die das maßgeblich vorangetrieben hat.

Zum Abschluss: Was macht der Pfarrer und Journalist Christian Fischer, wenn er nicht mehr die Stabsstelle Kommunikation leitet?

Fischer: Im Ruhestand heißt es ja nicht mehr: Du musst. Sondern: Du kannst. Ich glaube, das werde ich erst mal begreifen müssen. Ich will diese Leere, die da vielleicht auf mich wartet, erst mal spüren und zulassen und dann schauen, was passiert. Wenn es gut läuft, wird es für mich auch zu einer spirituellen Herausforderung. Was ist eigentlich mit meiner Beziehung zu Gott? Wie erlebe ich jetzt meinem Glauben? An dieser Stelle im Leben kann ich diese Fragen noch einmal neu stellen. Darauf freue ich mich.

Stabsstelle Kommunikation

Mehr zu den Aufgaben der Stabsstelle Kommunikation der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist im Bereich des Landeskirchenamtes auf ekkw.de zu finden.