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Enwood Longwe ist seit dem Jahr 2000 Pfarrer in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er wünscht sich, dass die Menschen aus der Defensive kommen und sich proaktiv für etwas einsetzen, anstatt sich nur gegen etwas zu stellen. Unser Foto zeigt ihn in seiner Gemeinde in Bad Arolsen.

Enwood Longwe ist seit dem Jahr 2000 Pfarrer in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er wünscht sich, dass die Menschen aus der Defensive kommen und sich proaktiv für etwas einsetzen, anstatt sich nur gegen etwas zu stellen. Unser Foto zeigt ihn in seiner Gemeinde in Bad Arolsen.

Bad Arolsen / Redaktion ekkw.de
Veröffentlicht 25 Mär 2026

Ein eindrückliches Beispiel schildert Longwe im Zusammenhang mit einer Trauerfeier: Aufgrund seiner Hautfarbe habe ein Angehöriger ihn zunächst als Pfarrer für die Beerdigung abgelehnt. Longwe sei es wichtig gewesen, mit der Witwe zu sprechen. Die hatte keine Einwände gehabt und Longwe hielt schließlich die Trauerfeier. Für ihn sei dabei entscheidend gewesen, dass er in seiner Rolle ernst genommen wird: „Ich bin Pfarrer und habe eine Aufgabe“, betont Longwe. Den Raum, den ihm dieses Amt gebe, ob bei Gottesdiensten oder Veranstaltungen, lasse er sich nicht nehmen. Wenn jemand dies dennoch versuche, wolle er wissen, warum. 

Solche offenen Ablehnungen seien zwar selten, doch die Erfahrung von Vorurteilen begleite ihn häufig. Immer wieder werde angenommen, dass er Dinge anders mache als seine Kolleginnen und Kollegen – allein aufgrund seiner Hautfarbe. Menschen nähmen sich häufig nicht die Zeit zu fragen, wer tatsächlich vor ihnen stehe, erklärt er. Zweifel entstünden vorschnell, ohne persönliches Kennenlernen. „Ich bin ein Teil hiervon, ich gehöre hier hin“, sagt Longwe, der seit 2000 Pfarrer in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) ist.

Begegnung auf Augenhöhe

Besonders wichtig sind ihm Begegnungen auf Augenhöhe. Longwe beschreibt im Gespräch mit dem Medienhaus der EKKW, dass Menschen sich auf seine Hautfarbe konzentrierten und daraus Erwartungen ableiteten. Automatisch werde davon ausgegangen, dass er anders sei und sich anpassen müsse. Häufig werde ihm erklärt, wie die deutsche Kultur funktioniere, ohne zu fragen, was er mitbringe, welches Wissen und welchen Hintergrund er habe. 

Dabei lebt er schon über 25 Jahre hier und kennt die deutsche Geschichte und Kultur gut. Umgekehrt wüssten viele Menschen nichts über ihn. Oft werde er nicht als Person, sondern als Hautfarbe wahrgenommen. Aussagen wie „Wir sind in Deutschland, Sie müssen sich anpassen“ würden ihn immer wieder begleiten.

Narrative müssen sich ändern

Daran etwas ändern könne sich nur, wenn sich die Narrative verändern, sagte Longwe. Gemeint sind damit verbreitete Erzählungen und Denkmuster, die prägen, wie Menschen wahrgenommen werden. Diese Narrative würden in unterschiedlichsten Kontexten erzählt: in der Familie, in der Politik oder eben auch in der Kirche. „Man wirft uns alle in einen Topf“, schilderte Longwe und fordert eine Begegnung auf Augenhöhe. „Ich wünsche mir, dass die Menschen sich die Zeit nehmen und fragen, wer diese Person ist, die vor ihnen steht, anstatt Vermutungen anhand der Hautfarbe abzuleiten.“
Oft fühlt sich Pfarrer Longwe unsichtbar. Tue er etwas Gutes, würde es niemand sehen. „Und wenn etwas Schlimmes passiert, sind wir alle dieselben, werden wir alle ein einen Topf geworfen und sind die Ursache aller Probleme“, beschreibt er das Dilemma. Menschen mit anderer Hautfarbe würden entweder in die Opfer- oder in die Täterrolle gesteckt. Dabei treffe keines von beidem zu.

Zur Person

Enwood Longwe (64) stammt aus Malawi und ist seit dem Jahr 2000 als Pfarrer in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck tätig. Er absolvierte sein Studium in den USA, wo er auch seine Frau Christiane kennenlernte. 1993 kamen beide nach Deutschland – zunächst nach Gelnhausen, wo seine Frau als Pfarrerin arbeitete und Longwe sein Anerkennungsjahr machte. Heute arbeitet er als Gemeindepfarrer in der Martin-Luther Gemeinde Bad Arolsen und engagiert sich für ein offenes Miteinander und eine rassismusfreie Kirche. Enwood Longwe ist Vater einer erwachsenen Tochter. 

Bereits als Kind habe Longwe Rassismus erlebt und sei umso erschrockener darüber, dass es ihn heute immer noch gibt. „Ich bin 1961 geboren, da hatten wir das Gefühl, den Rassismus langsam zu überwinden.“ Mittlerweile sei es genau andersherum und Rassismus werde wieder normal: „Heute machen wir Rückschritte“, beobachtet der Pfarrer und erläutert das mit einem aktuellen Beispiel aus seinem Alltag: „Ich war mit meinem E-Bike unterwegs und hörte plötzlich wie jemand sagte: Schau mal, der kann sich ja ein E-Bike leisten“. Longwe fügt hinzu: „Genau das sind die Narrative, über die wir uns unterhalten müssen.“

"Viele Menschen haben Angst"

Gleichzeitig bemerkt er, dass es ganz still werde, sobald über Rassismus gesprochen wird. „Einfach, weil es unbequem ist sich damit auseinanderzusetzen. Viele Menschen haben Angst.“ Dabei sei genau das so wichtig. Longwe wünscht sich, dass die Menschen raus aus der Defensive kommen und sich proaktiv für etwas einsetzen, anstatt sich nur gegen etwas zu stellen. „Wir fokussieren uns auf die negativen Dinge, dabei passiert so viel Positives. Leider oft nur im Abseits.“

Um Rassismus verlernen zu können, müssten sich die Menschen mit der Geschichte und ihren Konsequenzen beschäftigen: „In vielen Köpfen stecken Bilder fest, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen“, zeigt sich Longwe überzeugt. Damit das gelingt, brauche es Raum für Gespräche. „Wir müssen offen sein und jedem Menschen mit dieser Offenheit begegnen.“ Niemanden dürfe in eine Ecke geschoben werden, so Pfarrer Longwe.

Internationale Wochen gegen Rassismus
Illustration auf rosafarbenem Hintergrund mit vielen dicht nebeneinander dargestellten, stilisierten Gesichtern. Die Gesichter sind unterschiedlich geformt, verschiedenfarbig gestaltet und vereinfacht gezeichnet. Alle sind frontal dargestellt und ohne individuelle Merkmale wie Kleidung oder Umgebung. Links oben steht der Schriftzug „100 % Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“. Rechts oben ist das Logo der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus zu sehen. Das Motiv vermittelt Vielfalt, Gleichwertigkeit und gemeinsames Engagement gegen Ausgrenzung.

Die Internationalen Wochen gegen Rassismus finden in diesem Jahr vom 16. bis 29. März statt. 
Unter dem Motto „100 % Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ setzen bundesweit zahlreiche Initiativen, Einrichtungen und Engagierte ein sichtbares Zeichen für Vielfalt, Respekt und Demokratie. 
Koordiniert werden die Aktionswochen von der Stiftung gegen Rassismus.