Eine Skate-Anlage und ein riesiges Klettergerüst, ein Tischkicker und ein ganzer Fuhrpark an Bobbycars – so wurde das, was einmal Kirchenraum war, zu einem großen Indoor-Spielplatz und brachte neuen, anderen Segen für die Menschen in Stadtallendorf. Damit ist nun zum 31. März Schluss. Die Pläne, mit verschiedenen Akteuren und einem gemeinsamen Trägerverein ein Leuchtturmprojekt für den Kirchenkreis Kirchhain und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) zu realisieren, lassen sich nicht verwirklichen. „Das ist eine ganz bittere Erfahrung für mich“, sagte Bischöfin Dr. Beate Hofmann bei ihrem Besuch in Stadtallendorf in dieser Woche.
Sanierung scheitert an hohen Kosten
Bischöfin Hofmann hatte die von Pfarrerin Katrin Rathmann entwickelte Idee der „Spielkirche“ 2020 kennengelernt und begeistert die Schirmherrschaft übernommen – und hat nun sogar persönlich „Klinken“ geputzt bei Stiftungen, um Gelder einzuwerben, berichtete Nadja Schwarzwäller von der Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenkreises. Aber alle Bemühungen, eine Sanierung des Gebäudes zu finanzieren, sind gescheitert. Im vergangenen Jahr habe man die Entscheidung treffen müssen, dass es nicht weitergehen könne mit der geplanten Nutzung der ehemaligen Kirche, erklärt Gemeindepfarrer Thomas Peters.
Geplante Angebote können nicht umgesetzt werden
Ein Trägerverein hatte sich gründen wollen, um neben „Jumpers“ weitere Akteure ins Boot zu holen und religionspädagogische Angebote machen zu können. Die Familienbildungsstätte wollte eine Außenstelle einrichten, und die Sprachkurse, die sich etabliert haben, sollten ebenfalls weitergeführt werden. All das kann nun nicht umgesetzt werden – schlicht und ergreifend, weil das Geld für die nötige Sanierung fehlt. Bei einer ersten Kostenschätzung 2021 sei man noch von rund 2,6 Millionen Euro ausgegangen, so Thomas Peters. Schnell sei aber klar gewesen, dass es fast doppelt so viel kosten würde, die ehemalige Herrenwaldkirche zu sanieren.
Finanzierungsversuche blieben ohne Erfolg
Am Ende standen 4,36 Millionen Euro auf dem Papier, die hätten aufgebracht werden müssen. Eine Summe von gut 700.000 Euro aus dem Investitionsfonds der Landeskirche für das Projekt Spielkirche hatte die Kirchengemeinde bereits erhalten, allerdings wurde im vergangenen Jahr ein Antrag der Städtebauförderung abgelehnt. „Das war der Knackpunkt“, erklärt Peters. Man habe „Jumpers“ das Gebäude mit allen Rechten und Pflichten zur Verfügung gestellt. Genau denen könne die Organisation allein aber nicht nachkommen. „Schwersten Herzens“ werde sie die Arbeit deshalb zum 31. März beenden, sagt „Jumpers“-Geschäftsführer Thorsten Riewesell.
Vertrauen, Begegnung und gewachsene Beziehungen
Die Hoffnung sei aber groß, dass es an anderer Stelle im Stadtteil weitergehe. „Wir können eigentlich auch hier nicht weg“, erklärte Riewesell bei einem Pressegespräch. „Es ist zu viel an Vertrauen und an Miteinander gewachsen.“ Insgesamt 300 Menschen haben das Gebäude und die komplett kostenlosen Angebote jede Woche genutzt – nicht nur für Kinder und Jugendliche war es ein Ort der Begegnung, auch für Erwachsene. „Das Projekt hat geholfen, Barrieren abzubauen“, bestätigt der ehemalige Dekan des Kirchenkreises Kirchhain Hermann Köhler, der die Projektleitung auch in seinem Ruhestand weiterführte.
Lernen aus einem anspruchsvollen Prozess
Der Kirchenkreis hatte sich nach der Entwidmung der Kirche und dem Einzug von „Jumpers“ mit einem großen Indoor-Spielplatz und vielfältigen Angeboten sowie der Finanzierung einer halben Jugendarbeitsstelle beteiligt. Und auch Köhler hat bis zum Schluss gehofft, dass es eine Lösung für die Zukunft geben könnte. Für Bischöfin Dr. Beate Hofmann ist die Entwicklung eine Geschichte des Scheiterns ebenso wie eine Lerngeschichte, wie sie erläuterte. „Wir haben zum Beispiel viel gelernt, was die Projektsteuerung mit verschiedenen Akteuren angeht.“
Scheitern wirft Fragen zum Umgang mit Sakralbauten auf
Die zentrale Erkenntnis sei, dass Gebäude irgendwann einmal an ihr Ende kommen. Die Frage bleibe jedoch: Was passiert dann mit ihnen? Und: Was passiert mit kirchlichen Gebäuden generell? Damit beschäftigen sich die Kirchengemeinden des Kirchenkreises derzeit, wie überall in der EKKW. Nur noch 30 Prozent der kirchlichen Gebäude werden künftig antragsberechtigt sein, wenn es um Baumaßnahmen geht. Für Bischöfin Dr. Beate Hofmann ist klar: „Die Sakralität eines Gebäudes liegt in seiner Nutzung, nicht in den Steinen, aus denen es gebaut ist.“
Ihrer Ansicht nach muss sich mit diesen Fragen aber nicht nur die Kirche auseinandersetzen, sondern die gesamte Gesellschaft. Am Wochenende nimmt sie an einem Kongress teil, bei dem es genau darum gehen wird. Neben grundsätzlichen Entscheidungen im Blick auf Denkmalschutz und den Erhalt von Kirchen als Kulturdenkmälern müsse für jedes Gebäude einzeln entschieden werden, welche zukünftigen Nutzungen möglich sind. Was die ehemalige Herrenwaldkirche in Stadtallendorf angeht, wünscht sie sich, dass der bestehende Denkmalschutz aufgehoben wird. Dann wäre ein Neubau für ein Stadtteilzentrum mit unterschiedlichen Nutzerinnen und Nutzern möglich. Stattdessen droht nun aber der Leerstand.
Projekt startete im Jahr 2022
Mit dem Projekt «Spiel(t)raum» wurde 2022 der Startschuss für die besondere Idee gegeben: Die entwidmete Herrenwaldkirche in Stadtallendorf sollte zu einem offenen Begegnungsort für Gemeinschaft, Lernen und spielpädagogische Erfahrungen werden. Fünf Partner setzten sich dafür ein, das ehemalige Gotteshaus in einen lebendigen Raum für Menschen aller Generationen und Hintergründe zu verwandeln. Wir berichteten auf ekkw.de
