Im Interview mit der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) und der hessischen Demokratie-Initiative Offen für Vielfalt e.V., der auch die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck angehört, spricht Wulff über das Leid der Angehörigen, über Vorurteile und Fehlentscheidungen von Behörden. Er geht auch auf die Bedeutung von Empathie in Politik, Verwaltung und öffentlicher Sprache ein und schlägt den Bogen in die Gegenwart: zu aktuellen Formen von Ausgrenzung, zu rechtsextremer Ideologie und zu einer Debattenkultur, die zunehmend von Polarisierung geprägt ist.
Das Gespräch macht deutlich, dass Erinnerung kein abgeschlossener Akt ist. Der Mord an Halit Yozgat verweist auch heute auf die Verantwortung, Minderheiten zu schützen, Hass früh entgegenzutreten und demokratische Werte im Alltag zu verteidigen. Wulff versteht das Gedenken nicht nur als Rückblick, sondern als Auftrag für die Gegenwart: für ein solidarisches Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft.
Anlässlich des Jahrestages nimmt Christian Wulff am 6. April am Gedenken der Stadt Kassel teil und hält die Gedenkrede für den damals 21‑jährigen Kasseler Halit Yozgat, der 2006 in einem Internetcafé erschossen wurde.

Christian Wulff (Mitte) in Hannover mit (v.r.) den HNA-Redakteuren Matthias Lohr und Florian Hagemann sowie Michael Sasse von Offen für Vielfalt e.V.
Wir dokumentieren das Interview im Wortlaut:
HNA: Herr Wulff, können Sie sich noch daran erinnern, was Sie als Erstes gedacht haben, nachdem der rechtsterroristische NSU aufgeflogen war?
Christian Wulff: Wir hatten Hass, Hetze, Rassismus im Land. Es gab eine aufgeheizte Stimmung, und es waren die Jahre, in denen Thilo Sarrazin eine erhebliche Auflage erzielte mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab". Da ging es um Rassismus wegen vermeintlicher "genetischer Probleme von Muslimen". Aber dass über Jahre eine Gruppe in Deutschland Deutsche ermordete, nur weil sie anders sind, als Deutsche nach deren Vorstellung sein müssten, das war eine komplett neue Dimension. Das hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe mich selbst dann intensiv gefragt: Wie konnte ich so etwas ausschließen?
HNA: Sie haben als Bundespräsident damals die Familien der Opfer nur wenig später ins Schloss Bellevue eingeladen. Sie haben sich damals auch von Tisch zu Tisch gesetzt, stundenlang zugehört. Wie schwierig war das als Oberhaupt eines Staates, dessen Behörden öffentlich versagt hatten?
Christian Wulff: Ich war mir mit Bundeskanzlerin Angela Merkel einig, dass wir aktiv werden mussten. Wir hatten die Idee, eine Veranstaltung im Schloss Bellevue zu machen - und zwar mit allen Repräsentanten des Staates. Es waren dann auch alle dabei: der Präsident des Verfassungsgerichts, die Kanzlerin, der Bundesratspräsident. Und es waren auch die Fraktionsvorsitzenden anwesend. Wir haben sie alle an verschiedene Tische gesetzt, damit immer Angehörige mit einem politisch Verantwortlichen ins Gespräch kommen konnten, um ihre bitteren Erfahrungen zu schildern.
Der Tod eines Angehörigen, des Vaters, des Ehemanns, des Bruders, ist immer schon grausam. Aber wenn Sie in der Situation keinen Beistand bekommen, kein Mitleid, keine Unterstützung, sondern letztlich verdächtigt werden, dann ist das die doppelte Keule.
HNA: Wie haben Sie die Angehörigen wahrgenommen?
Christian Wulff: Die Angehörigen waren ernüchtert und misstrauisch. Sie hatten das Vertrauen in unseren Staat verloren, weil er nicht sofort in die richtige Richtung ermittelte, sondern Unterstellungen vorgenommen hatte. Da waren alle gezeichnet, deswegen war es für mich sehr schwer, um Entschuldigung bitten zu müssen für diese Fehleinschätzungen, die Geschehnisse falsch eingeschätzt zu haben. Ich habe das auch für mich persönlich so empfunden, dass auch ich Vorurteilen erlegen war.
Ich habe dann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel besprochen, dass wir eine Beauftragte für die Angehörigen benennen, einen Hilfsfonds einrichten und eine zentrale Gedenkveranstaltung machen und dass es dazu eine öffentliche Gedenkminute geben soll.
HNA: Sie haben die Gedenkveranstaltung angesprochen: Sie hätten dort eine Rede halten sollen, sind aber kurz vorher als Bundespräsident zurückgetreten. Sie haben an dieser Rede lange gefeilt: Was hat Deutschland dadurch nicht erfahren, dass diese Rede nicht von Ihnen gehalten wurde?
Christian Wulff: Die Veranstaltung lag mir unglaublich am Herzen. Und natürlich war meine Rede im Detail fertig. Angela Merkel hat dann gesagt: Wenn du jetzt zurücktrittst, halte ich die Rede dort - und hat ganz wesentlich auf mein Manuskript zurückgegriffen. Im Rückblick stelle ich fest, dass ich - hätte ich die Rede persönlich gehalten - allenfalls noch einen Punkt akzentuiert hätte.
HNA: Welchen?
Christian Wulff: Ich hätte herausgearbeitet, dass die Bundesrepublik Deutschland und unsere 84 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner dies jetzt als Zäsur zum Anlass nehmen müssen, umzukehren und Achtsamkeit zu üben gegenüber jedermann. Ich hätte betont, dass man eben bestimmte Formen von Äußerungen, bestimmte Radikalisierungen gar nicht zulässt, sondern den Anfängen stärker wehrt, damit sich solche Taten niemals wiederholen. Die Tragik ist ja, dass auch die Vertreter der Angehörigen in ihren Reden bei dieser Gedenkveranstaltung eindrucksvoll die Einheit in Vielfalt, das gemeinsame Interesse an friedlichem Zusammenleben betont haben, ohne anschließend die notwendige Resonanz zu finden.
Später mussten wir feststellen, dass es mit dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke wieder einen Anschlag im Raum Kassel gegeben hat, und dass es zu dem schrecklichen Anschlag in Hanau gekommen ist. Zudem gab es Anschläge auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg und in Halle u.a. auf die Synagoge. Offenkundig hat das ruchlose Morden des NSU viele Menschen in diesem Land nicht zur Vernunft geführt. Sie laufen stattdessen weiter radikalen Ideologien nach.
HNA: Wie haben Sie denn damals die Gedenkveranstaltung verfolgt?
Christian Wulff: Ich war zu Hause in der Berliner Wohnung für den Bundespräsidenten und saß quasi auf Umzugskartons. Für mich war das eine Tragik, nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen zu können, zu der ich eingeladen hatte. Aber es ging nicht. Es hatte ja schon Medien gegeben, die mir unterstellt hatten, diese Gedenkveranstaltung nutzen zu wollen, um länger im Amt zu bleiben. Ich wollte aber keinerlei Ablenkung vom eigentlichen Ereignis. Ich habe die Gedenkveranstaltung dann am Bildschirm verfolgt. Das war sehr bewegend, weil wir sie sehr durchdacht und gut vorbereitet hatten.
HNA: Ismail Yozgat, der Vater von Halit Yozgat, hat Sie während der Veranstaltung auch gewürdigt. Er hat gesagt: "Wir sind seine Gäste und wir bewundern ihn." Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Christian Wulff: Ganz ehrlich: Das war unbeschreiblich. Ich wollte immer die Herzen von Menschen erreichen. Das wird oft vernachlässigt. Ich wollte bei Ihnen sein, ihnen helfen, ihre Trauer teilen, auch wenn ich sie nicht mindern konnte. Aber als ich dann gehört habe, dass ich tatsächlich Herzen erreicht habe, war das ein besonderer Augenblick. Für mich war es so, dass die Monate von bösartiger Hetze gegen mich in diesem Moment abgefallen sind. Da war mir klar: Es hat sich gelohnt, für die richtige Sache zu streiten, nämlich für ein vielfältiges Land, die Bunte Republik.
Es gibt so Momente, bei denen Sie noch Jahrzehnte später wissen, wo Sie waren, als Sie die erlebt haben. Das ist hier auch so. Ich weiß noch, wo ich saß, als Ismail Yozgat diese Sätze sprach: im Büro am Schreibtisch vor dem Fernseher. Das hat mich extrem bewegt, und für mich wird es am Ostermontag bewegend sein, vierzehn Jahre später diesen Vater, dessen Familie Deutschland viel zu verdanken hat und der jetzt in der Türkei lebt und zum Gedenken zurückkommt, in die Arme zu nehmen.
HNA: War Ihnen das tatsächlich nicht schon vorher klar, dass Sie die Herzen der Angehörigen erreicht hatten?
Christian Wulff: Nach meiner Rede vom 3. Oktober 2010, als ich sagte, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, hatte ich auf der einen Seite Ablehnung erfahren, auf der anderen Seite auch viel Zustimmung, nämlich von den Menschen, die das Gefühl hatten, nicht mehr zu Deutschland zu gehören. Nach meiner Rede hatten diese Menschen das Gefühl, ich sei auch ihr Bundespräsident. Wir sind hier angekommen, es ist unser Land. Deswegen hatte ich viel Zustimmung aus der Community.
Aber die Aussagen von Ismail Yozgat waren trotzdem besonders. Er hatte mich in dieser Art und Weise erwähnt, obwohl ich bei der Gedenkveranstaltung ein "Elefant im Raum" war. Alle wussten, ich hatte eingeladen, aber war nicht anwesend, weil ich in Ungnade gefallen war. Dass sich Ismail Yozgat dann hinstellt und sagt, die Angehörigen dankten mir, ihrem "Bundespräsidenten der Herzen", das war schon besonders.

Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 von Mitgliedern des rechtsterroristischen NSU in Kassel erschossen.
HNA: Die Angehörigen haben vor allem Ihre Empathie hervorgehoben. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Bundesjustizministerin den Angehörigen 15.000 Euro Entschädigung zusprechen wollte, ohne überhaupt mit den Opfern ein Wort gesprochen zu haben. Ist das genau das Problem: dass der Staat viel zu oft sehr funktional ist, anstatt empathisch?
Christian Wulff: Ich glaube, man sollte jetzt nicht mit Vorwürfen zurückschauen. Es haben sich damals alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemüht, aber der Staat ist immer ein wenig in Gefahr zu übersehen, dass er für die Bürger da ist und nicht die Bürger für den Staat. Das gilt aber generell für alle öffentlichen Behörden.
Dazu fällt mir ein, dass ich mal als Schüler einen bösen Brief an das Bafög-Amt geschrieben habe. Das hatte meine schwer kranke Mutter fristsetzend aufgefordert, sie möge über ihr Vermögen Auskunft geben. Da habe ich gefragt, ob man solch ein Schreiben nicht auf eine etwas andere Art formulieren könne. Es waren dann alle einsichtig, dass dieses Schreiben unmöglich sei, es sei aber halt ein Formblatt. Ich wünsche mir hier tatsächlich eine empathische Sprache, die es in anderen Ländern auch gibt. In der Schweiz beispielsweise wird sehr bürgerfreundlich agiert. Vielleicht können wir hier auch im Zuge der Digitalisierung einführen, dass die Behörden anders mit ihren Bürgerinnen und Bürgern umgehen, die sie schließlich finanzieren.
HNA: Also sind auch in dieser Beziehung im Umgang mit den Angehörigen Fehler gemacht worden?
Christian Wulff: Ich habe schon erlebt, dass eigentlich alle Handelnden betroffen waren und sofort helfen wollten - auch das Justizministerium mit den angesprochenen 15.000 Euro für die Angehörigen. Aber das kam bei den Betroffenen komisch an - nach dem Motto: Jetzt sollen die Versäumnisse mit Geld wettgemacht werden. Ich glaube, es war wahnsinnig viel gutes Bemühen bei allen vorhanden, und es hatte keiner eine böse Absicht. Niemand wollte mehr einen Fehler machen.
Das sollte in der Rückbetrachtung im Vordergrund stehen, zumal derzeit weltweit ein Rechtsruck dazu führt, dass Menschen wieder nach Homogenität streben und Minderheiten immer weniger geschützt werden. Gegen diese Tendenz müssen wir uns breit aufgestellt versöhnlich wehren.
HNA: Kommen wir noch mal zur Familie Yozgat zurück. Ihr Kontakt ist in all der Zeit nicht abgerissen. Wie eng ist der Kontakt?
Christian Wulff: Man weiß voneinander, man telefoniert mal miteinander, ich habe die Schwestern in Kassel vor einigen Jahren besucht. Das gilt auch für viele andere Betroffene und Angehörige, weil aus der damaligen Veranstaltung im Schloss Bellevue und meinem Engagement für Vielfältigkeit viele Kontakte erwachsen sind. Diese Begegnungen sind auch für mich wertvoll. Am Ende müssen wir alle dafür kämpfen, dass wir uns als Menschen sehen und mehr dafür eintreten, Mensch zu sein, als sich in Gruppen zu definieren, abzugrenzen, auszugrenzen. Das ist mein Lebensthema.
HNA: Und insofern ist es auch klar gewesen, dass Sie nach Kassel kommen?
Christian Wulff: Als ich die Einladung erhielt, nach Kassel zu kommen, war für mich ganz klar, dass ich selbstverständlich teilnehmen werde. Es passt, dass der Gedenktag auf Ostermontag fällt. Ein Tag, an dem Menschen auch zu sich kommen und nachdenken können - etwa darüber, ob wir mit so viel Hass und Hetze im Netz leben wollen oder ob wir nicht versuchen sollten, anders miteinander umzugehen.
HNA: Wozu Menschen fähig sind, hat man auch bei der Aufarbeitung der Morde gesehen. Der Staat und die Medien haben viele Jahre dieses schreckliche Wort "Döner-Morde" verwendet. Ist alles getan worden, um die Fehler aufzuarbeiten?
Christian Wulff: Ich habe seitdem wirklich ein enormes Bemühen festgestellt: Das betrifft die Parlamente mit Untersuchungsausschüssen, das betrifft die Polizei, die Justiz, die Medien. Und es gibt trotzdem Fehlverhalten bei der Aufarbeitung, und es gibt immer noch Versagen, in dem Einzelne bestreiten oder Wissen verschweigen. Das ist für mich klar, aber es wird sich heute intensiver als je zuvor damit auseinandergesetzt. Man muss das Positive sehen, um nicht zu spalten, sondern zu versöhnen.
Für die Angehörigen ist es natürlich bitter, dass manches nicht aufgeklärt werden konnte. Aber es war und ist extrem viel Bemühen vorhanden, wenn ich allein an den Vorsitzenden Richter in dem großen NSU-Prozess in München denke. Welche Intensität, welche Aktenkenntnis, welche Zeit, welches Engagement er und das Gericht eingebracht haben, das verdient höchste Anerkennung. Im weltweiten Maßstab können wir auf unseren Rechtsstaat stolz sein.
HNA: Es gab den NSU-Prozess in München, mehrere Untersuchungsausschüsse, eine Initiative zur Freigabe der NSU-Akten, die erst durch Jan Böhmermann veröffentlicht wurden. Inwiefern haben Sie Verständnis dafür, dass die Angehörigen damit hadern, dass noch viele Fragen offen sind?
Christian Wulff: Für dieses Gefühl des Misstrauens der Angehörigen muss man Verständnis haben. Als ehemaliger Bundespräsident muss man behutsam sein. Ich habe nicht alle Detailkenntnisse, aber es gibt die Arbeit der Recherchegruppe Forensic Architecture, die das Geschehen im Internetcafé analysiert und nachgestellt hat. Da bleibt ein sehr beklemmendes Gefühl zurück. Dennoch: Wer bin ich, um über einzelne Vorgänge zu richten?
HNA: Inwiefern ist das Versagen juristisch und politisch final aufgearbeitet?
Christian Wulff: Ich glaube, einen Schlussstrich wird man nie ziehen können, weil wir alle die Hoffnung haben, dass einzelne noch mal anfangen, über Mitwisser, Mittäter und Strukturen zu reden. Man will einfach nicht glauben, dass drei Leute diese Taten quasi allein begangen haben sollen. Es wurden aber nur wenige angeklagt und verurteilt.
HNA: Es gibt das NSU-Dokumentationszentrum in Chemnitz und bald auch eins in Nürnberg. In Kassel gibt es den Halit-Platz. Wie bewerten Sie die Gedenkarbeit?
Christian Wulff: Wir erleben leider ständig, dass das Vergessen das Erinnern besiegt. Von Kurt Tucholsky stammt: "Erfahrungen vererben sich nicht, die will jeder selbst machen." Das darf bei Dingen wie Rassismus, Gewalt und Krieg jedoch nicht das letzte Wort sein. Wir müssen uns intensiv bemühen, Erfahrungen weiterzugeben, von Generation zu Generation. Wir müssen uns deutlich machen: Aus Worten werden Taten, aus Hass und Hetze werden Mord und Verbrechen. Dafür müssen Menschen sensibilisiert werden.
Ich finde alle Aktivitäten sehr wichtig, die Erinnerungen wachhalten. Nach dem Krieg zu sagen, nie wieder Krieg, nie wieder Rassismus, nie wieder gegen Minderheiten, und Jahrzehnte später zu meinen, man könne sich das wieder leisten, ist etwas Erschütterndes.
HNA: Und Sie merken diesen Umschwung gerade?
Christian Wulff: Noch 2012 habe ich am 70. Jahrestag der Wannseekonferenz, bei der 1942 die endgültige Vernichtung der Juden beschlossen wurde, gesagt: Je länger das zurückliegt, desto weniger kann ich mir vorstellen, wie es dazu gekommen ist. Bei der 80-Jahr-Feier zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald dann 2025 musste ich jedoch feststellen: Das, was ich 2012 gesagt habe, kann ich heute nicht mehr so sagen. Ich kann es mir wieder vorstellen, dass Menschen zur Ermordung anderer wegen eines willkürlich gewählten Merkmals fähig sind.
Hannah Arendt hat gesagt, der Tod der Empathie sei das erste untrügliche Zeichen für den Weg in die Barbarei. Und jetzt gibt es Akteure wie Elon Musk, die behaupten: Empathie sei die größte Schwäche des Westens. Doch Einfühlungsvermögen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Dass wir erstmals auf deutschem Boden seit über 80 Jahren ununterbrochen in Frieden und Freiheit leben, hat damit zu tun, dass wir Einfühlungsvermögen gelernt haben. Wenn wir einander einfach als Menschen begegnen würden, könnte das die Atmosphäre in unserem Land spürbar verbessern.
Deswegen braucht es Initiativen wie "Offen für Vielfalt". Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt. Wer will denn schon einfältig sein? Die Ideologie der Rechtsextremisten ist wirklich einfältig. Sie erklären eine Gruppe zu Sündenböcken, weil sie glauben, damit seien ihre Unsicherheiten und unser aller Probleme gelöst.
HNA: Heute haben Menschen mit Migrationsgeschichte wieder Angst, weil die extrem rechte AfD die massenhafte Remigration von Menschen propagiert, die angeblich nicht zu Deutschland gehören. Ein Treffen dazu fand unweit des Wannsees statt. Nimmt die Gesellschaft diese Ängste heute ernster als damals?
Christian Wulff: Da würde ich sagen: Eine besorgniserregende Minderheit setzt Angst ein, um das Land zu spalten und Unheil über es zu bringen. Die große Mehrheit dagegen ist klasse. Nach den Vorfällen in Potsdam gab es hier in Hannover eine Demonstration mit 35.000 Teilnehmern. Es gab mehr als 350 dieser Demonstrationen, bei denen sich die Bevölkerung mit Menschen mit Einwanderungsgeschichte solidarisierte.
Es gibt eine klare Erkenntnis: Rechtsextremisten wollen Angst verbreiten, Menschen diskreditieren, vertreiben und zum Auswandern bringen. Das ist deren Strategie. Die AfD äußert sich berechnend so. Deren Abgeordnete wie Maximilian Krah unterscheiden bewusst zwischen einem Volkssouverän und dem Staatsvolk. Sie diskriminieren: Die einen seien richtige Deutsche und andere seien keine richtigen Deutschen. Die gehören zum Staatsvolk, aber nicht zum Volkssouverän.
So hat man genau das, was man zur Zeit der Judenverfolgung hatte. Das darf es aber nie wieder geben in Deutschland. Deswegen haben sich dagegen bei den Demonstrationen Hunderttausende gewandt.

Christian Wulff
HNA: Müsste man nicht auch noch mal selbstkritischer über die deutsche Migrationspolitik reden?
Christian Wulff: Migration ist ein Thema, das wir nicht ausreichend miteinander ausgehandelt haben. Die einen übertreiben oft die Vorteile der Migration. Die Gegner von Migration nennen immer nur die Nachteile. Es fehlt an einer versöhnenden Debatte: Wir brauchen Zuwanderung, aber die muss auch nach deutschen Interessen erfolgen.
Die Zugewanderten müssen ein Bemühen einbringen, nämlich die deutsche Sprache zu erlernen, unsere Verfassung zu achten, sich in den Bildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren und sich in die Zivilgesellschaft einzubringen. Und unsere Gesellschaft muss zu all dem mehr Gelegenheiten geben. Wenn Zugewanderte die deutsche Sprache sprechen, wenn sie arbeiten und wenn sie offen sind für Beziehungen in die deutsche Gesellschaft, dann gelingt Integration.
An vielen Stellen ist sie in Deutschland gelungen, aber wir reden fast immer nur über Dinge, die schief gehen. Das machen wir in allen Bereichen. Damit spielen die Rechtsextremisten. Zu oft heißt es, alles sei dem Untergang geweiht, alles ginge bergab, das Abendland sterbe. Die Herausforderungen existieren natürlich, wir müssen sie lösen. Aber sich an die Radikalen zu wenden, ist keine Lösung. Das war ähnlich in den Zwanziger Jahren vor der Machtergreifung der Nazis so. Auf diesen groben Klotz muss man einen groben Keil setzen.
HNA: Wie könnte der aussehen?
Christian Wulff: Ich habe das in meiner Rede zum 3. Oktober 2010 so gemacht. Damals wurde diskutiert, ob die Muslime zu Deutschland gehören. Nicht wenige waren der Meinung: Die gehören weg. Ich habe dann gesagt: Hier leben vier, fünf Millionen Muslime, die gehören dazu, mit ihren Moscheen, ihrem islamischen Religionsunterricht, mit ihren Festen. Das müssen wir als Teil unseres Landes akzeptieren und gestalten.
Dann müssen wir die Imame und Religionslehrer in Deutschland in deutscher Sprache ausbilden und nicht immer nur klagen und negativ beschreiben. Politiker sind zum Handeln da. Daran fehlt es bis heute: Wir müssen uns mit der AfD auseinandersetzen und einfach gute Politik machen, indem wir Wohnraum schaffen, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, indem wir Sorgen ernst nehmen.
Es fehlt Entschlossenheit in der Politik. Viele Menschen erwarten zu Recht, dass bei real existierenden Problemen ernsthaft, differenziert und lösungsorientiert gehandelt wird. Was sie nicht brauchen, sind letztlich ablenkende Nebelkerzen.
HNA: Bundeskanzler Merz hat eine Debatte angestoßen, dass durch Zuwanderung explodierende Gewalt importiert wurde. Hat er nicht recht?
Christian Wulff: Das Problem ist für mich, dass er damit von der notwendigen Debatte zu sexualisierter Gewalt von uns Männern ablenkt und das halte ich für problematisch: Zum einen muss er der Kanzler aller Deutschen sein und hätte gut daran getan, die Realität aller Frauen anzuerkennen, dass die größte Gefahr für sexualisierte Gewalterfahrung in ihrem nächsten Umfeld besteht, in der Familie, am Arbeitsplatz.
Verkürzungen der Debatte treiben einerseits Menschen in die Hände von Rechtspopulisten und die Kritiker solcher Aussagen andererseits an den linken Rand. Die Union hat weder populistische Manöver noch reißerische Verkürzungen nötig.
Bei strukturellen Problemen wie Wohnungsnot, fehlenden Arztterminen, Stadtbild, Infrastruktur oder innerer Sicherheit, immer die "Migrations-Karte" zu ziehen, ist falsch.
Das gilt übrigens auch mit Blick auf die Syrien-Debatte. Ungefähr 280.000 Syrer sind inzwischen Deutsche, deren Erwerbstätigenquote entspricht fast dem der übrigen Bevölkerung, in ostdeutschen Bundesländern sind besonders viele syrischstämmige Fachärzte. Die gut integrierten Syrer sind in vielen Bereichen unverzichtbar und zudem ein Vorteil Deutschlands, am Wiederaufbau Syriens zu profitieren.
Seit 2021 wurde die AfD mit diesen Exkursen nachweislich gestärkt und nicht geschwächt. Diese Art der Zuspitzung hat vielmehr negative politische Folgen, dramatische. In einer ohnehin aufgeheizten Debattenlage, geprägt von Clickbaits und Empörungsdynamiken, werden solche Schlagzeilen weitergetragen und emotional aufgeladen. Es bleibt das Gefühl hängen: "Migration ist an allem schuld." Dabei haben wir viele Reformstaus losgelöst von Migration.
HNA: Sind das nicht auch Befunde aus anderen Ländern, die der Union bekannt sein müssten?
Christian Wulff: Ja, wer fortlaufend so spricht, schwächt die politische Mitte. Die Union läuft so geradewegs in die Falle der AfD. Deren erklärtes Ziel ist es, mit Kulturkampf einen Keil zwischen Union und die anderen demokratischen Parteien zu treiben und langfristig die CDU zu marginalisieren.
Und es zerstört Vertrauen. Vertrauen in politische Akteure ist aber essenziell für das Bestehen unserer Demokratie.
Statt polarisierender Aussagen sollten wir im Interesse der demokratischen Parteien zu einer inklusiven Sprache zurückfinden - sonst verstärken wir ungewollt Ausgrenzung. Wer mit Verkürzungen arbeitet, spielt mit dem Vertrauen vieler Menschen - und das ist in Zeiten wie diesen ein politischer Fehler, den wir uns nicht leisten können.

HNA: Bräuchte es einen Satz wie "Der Islam gehört zu Deutschland" heute mehr denn je?
Christian Wulff: Es wäre gut, wenn die demokratischen Politiker noch einmal nachdenken und sagen würden: Ja, der Islam gehört inzwischen zu Deutschland, wenn er sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegt und wenn er sich in das Land einfügt. Natürlich bekämpfen wir Extremismus, und zwar Rechtsextremismus, Linksextremismus und islamischen Fundamentalismus, aber auch jüdischen Fundamentalismus sowie christlichen Fundamentalismus.
Der US-Verteidigungsminister nimmt in jedem dritten Wort Gott in Anspruch für alle Kriege, die die Amerikaner derzeit führen. Das finde ich als Christ unanständig.
Ich habe in meiner Rede damals gesagt, dass alle Demokratinnen und Demokraten unabhängig von Herkunft, Aussehen, Religion und sexueller Neigung gemeinsam wehrhaft sein müssen gegen die Feinde der Demokratie. Wer unsere Art zu leben nicht akzeptiert, kann hier auf Dauer nicht leben. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten - mit allen friedliebenden, gut in Deutschland integrierten Muslimen, zusammen.
Darüber habe ich 2018 auch mit Walter Lübcke, der ein halbes Jahr später von Rechtsradikalen ermordet wurde, bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kassel diskutiert.
HNA: Wie ist es denn zu Ihrem berühmten Satz damals gekommen?
Christian Wulff: Zuvor hatten mir 60 junge Menschen mit Migrationshintergrund geschrieben: "Herr Bundespräsident, zeigen Sie, dass Sie auch unser Bundespräsident sind. Wir wollen dieses Land gestalten. Es ist unser Land." Das war einer der Briefe, der klar machte: Es muss jetzt einer mal sagen: "Ihr gehört voll zu uns. Wir brauchen euch. Und wenn eine Gruppe diffamiert wird, dann ist es ein Angriff auf unser Zusammenleben."
Diesen Gedanken werde ich auch am 6. April ausdrücken. Halit ist nicht nur ein Verlust für Familie Yozgat, sondern auch für unser Land. Dieser damals 21-jährige junge deutsche Mann wurde nur ermordet, weil er aus einer Familie mit Einwanderungsgeschichte stammt.
HNA: Inwiefern hat dieser Satz das Land verändert?
Christian Wulff: Er hat auf einen Punkt aufmerksam gemacht, aber die Wirkung, die ich mir erhofft hatte, ist bisher nicht eingetreten. Damals waren etwa 60 Prozent meiner Meinung zustimmend und 40 Prozent anderer Meinung. Heute sind nur noch weniger als die Hälfte meiner Meinung. So deute ich die Umfragen.
Ich wurde damals gefragt: "Wissen Sie, was Sie damit ausgelöst haben?" Ich wusste, dass ich damit provozieren und eine Debatte auslösen würde. Ich bin aber der Überzeugung, dass wir diese Debatte führen müssen. Und in 20 oder 30 Jahren würden die Leute über die Aufregung schmunzeln, weil es völlig normal ist, dass es Kirchen, Synagogen und Moscheen gibt. Die Debatte, die ich damals angestoßen habe, ist allerdings bisher leider noch nicht erfolgreich.
HNA: Hätten Sie einen Satz, den Sie heute gern sagen würden?
Christian Wulff: Ich habe heute auch solche Sätze im Kopf, aber ich habe nicht mehr das Amt, um sie entsprechend zu platzieren.
HNA: Aber hier ein gewisses Forum.
Christian Wulff: Der Satz würde in etwa so lauten: Bedenkt, dass ihr nicht immer nur den anderen die Meinung sagt, sondern bedenkt, dass der andere euch auch etwas zu sagen hat. Durch die sozialen Netzwerke und Algorithmen entstehen Echokammern, sodass es große Rechthaberei gibt. Es gibt viele Menschen, die nur noch zwei Meinungen kennen - die eigene und die falsche.
Wenn man es nicht mehr für möglich hält, falsch zu liegen, ist man auf der falschen Bahn. Deswegen ist meine Botschaft heute: Wir müssen toleranter und achtsamer zuhören und empathischer werden. Empathie ist der Schlüssel. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was in Amerika von der MAGA-Bewegung und bei uns von der AfD propagiert wird.
HNA: Ismail Yozgat sagt: "Unser einziger Wunsch ist, dass unser Sohn Halit und alle Halits nicht vergessen werden." Was werden Sie ihm am 20. Jahrestag seines Sohnes sagen?
Christian Wulff: Ich werde ihm mit innerer Überzeugung sagen: "Wir vergessen Ihren Sohn nicht, wir vergessen all die Ermordeten nicht. Sie fehlen nicht nur Ihnen, sie fehlen unserem Land." Ich freue mich darauf, Ismail Yozgat in den Arm zu nehmen. Diese Taten sind uns allen Mahnung umzukehren, damit es nicht mehr zu weiteren Morden kommt.
Das Interview führten die HNA-Redakteure Florian Hagemann und Matthias Lohr sowie Michael Sasse von Offen für Vielfalt.
Gedenken am 6. April 2026

Die Stadt Kassel und die Familie Yozgat laden anlässlich des 20. Jahrestags des rechtsterroristischen Mordes an Halit Yozgat für Ostermontag zu einer öffentlichen Gedenkveranstaltung ein. Zum Auftakt gibt es um 15 Uhr eine kurze Andacht mit Gebet auf dem Halitplatz an der Holländischen Straße in der Nordstadt. Im Anschluss wird die Gedenkveranstaltung im Philipp-Scheidemann-Haus (Holländische Str. 74) fortgesetzt. Dort wird u.a. eine Gedenkrede für den damals 21‑jährigen Halit Yozgat halten, der 2006 in einem Internetcafé erschossen wurde.
Die EKKW im Bündnis «Offen für Vielfalt»
Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ist seit dem 17. Januar 2021 offizieller Kooperationspartner der regionalen Demokratie-Initiative «Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung». Als erste religiöse Institution im Bündnis setzt die EKKW damit ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung und für eine offene, vielfältige Gesellschaft. Der Beitritt erfolgte im Rahmen einer Tagung der Landessynode und unterstreicht das kirchliche Selbstverständnis als Ort gleichberechtigter Teilhabe und respektvollen Miteinanders.
Die Initiative vereint Unternehmen, kommunale Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus Kassel und Nordhessen, die sich gemeinsam für demokratische Werte und gegen Diskriminierung engagieren. Die EKKW bringt sich mit Veranstaltungen, Projekten und sichtbaren Zeichen – wie den bekannten Türschildern – aktiv in das Bündnis ein.
Offen für Vielfalt in der EKKW
Kontakt zur Initiative in unserer Landeskirche
Das regionale Bündnis im Internet

Der offizielle Internetauftritt der Initiative «Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung» mit weiteren Hintergrundinfos zur Entstehung, einer wachsenden Mitgliederliste, gemeinsamen Aktionen und Events, einem Veranstaltungskalender (in den auch unsere kirchlichen Veranstaltungen zum Thema einfließen) und vielem mehr: www.offenfuervielfalt.de
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