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Das sah nicht gut aus: Karl-Heinz Schwedes mit den Röntgenbildern, die nach dem Leitersturz entstanden

Das sah nicht gut aus: Karl-Heinz Schwedes mit den Röntgenbildern, die nach dem Leitersturz entstanden

Wolfhagen / Anne-Kathrin Stöber, blick in die kirche
Veröffentlicht 02 Apr 2026

«Mir war so, als wär’ ich in einem tiefen dunklen Loch. Ich wollt’ nicht mehr, ich konnt’ nicht mehr.» Karl-Heinz Schwedes, fast 92 Jahre alt, ein breitschultriger, kräftiger Mann, dem man die lebenslange körperliche Arbeit als Landwirt ansieht, zieht sein Taschentuch hervor, trocknet sich die Augen. Acht Jahre ist es her, dass sein Leben zu Ende schien. Und an alles, was geschah, erinnert er sich bis heute detailgenau. Ebenso Gisela, seine Frau (87), die ihm beim Erzählen am großen Tisch gegenübersitzt.

Was war geschehen? Beide lächeln sich an. «Wir essen im Winter so gerne Pflaumenkuchen.» Also wird im Herbst gepflückt und eingemacht. Fast alle Früchte hatte Karl-Heinz Schwedes damals schon geerntet – dass er dies mit über 80 Jahren und langer Leiter immer noch tat, war keine Frage. Nun kam er an diesem Herbstmorgen von einer Beerdigung. Und danach ist er noch ein letztes Mal auf die Leiter gestiegen, nur für ein kleines Eimerchen noch: «Zum Schnucken.» Gisela nickt.

Was folgte: Sturz, Aufprall mit dem Becken auf die Leiterkante, höllischer Schmerz, so dass er nicht einmal schreien konnte. Ein Nachbar hatte das Unglück beobachtet, rief die Familie herbei. Karl-Heinz Schwedes kam sofort ins Krankenhaus. Eine umständliche Reihe von Untersuchungen, Diagnosen und Verlegungen, bis klar war: Doppelter Beckenbruch links.

«Zu große Operation», erinnert sich Schwedes, habe der Arzt ihm bescheinigt. In seinem Alter nicht zu schaffen. Es gebe nur eine infrage kommende Heilung durch «liegen, liegen, liegen.» Im Wolfhager Pflegeheim sollte das stattfinden, und Schwedes will keine großen Worte machen über die Umstände – schwer erträglich. Nicht bewegen, nur im Bett versorgt. Seine Frau besuchte ihn, so oft es ging.

Portraitfoto von Karl-Heinz Schwedes
«Ich weiß nicht, wie – aber ich hatte wieder Lust zu leben.»
Karl-Heinz Schwedes

Aber Schwedes litt, schien am Ende seiner Kräfte. Ob er nicht mal einen Pfarrer sehen wolle, fragte ihn eines Morgens die erfahrene Stationsschwester. Er wollte. Weil der zuständige im Urlaub war, kam – segensreicher Zufall – «s’ Anja», die Urlaubsvertretung Pfarrerin Anja Fülling. Schwedes kannte sie von klein auf, da ihre wie seine Familie aus Bründersen stammt.

Wieder laufen die Tränen, als er sich erinnert. «Mit dem Talar überm Arm, mit einem Korb mit Wein und Bibel und Kerze», so sieht er sie noch in sein Zimmer treten. Was genau mit ihm bei diesem vermeintlich letzten Abendmahl geschah – er weiß es nicht in Worte zu fassen. Die Pfarrerin – heute Dekanin im Kirchenkreis Kaufungen – sagt, dass sie glaubte, ihm für seine kurze, letzte irdische Wegstrecke noch «etwas mitgegeben» zu haben. Aber das Blatt wendete sich. «Ich weiß nicht, wie – aber ich hatte wieder Lust zu leben», sagt er.

Als die junge Frau das Kreuz hochgehalten habe und von Jesus sprach, da sprang irgendetwas in ihm wieder an. Er wollte noch nicht aufgeben. «Na ja,» sagt er, lächelnd die Rührung wegwischend, «das war für sie ja ein Heimspiel, ich kannte sie, auch aus dem Gottesdienst.»

Geduldig wieder auf die Füße kommen musste er trotzdem noch, am Arm seiner geduldigen Enkelin das Laufen wieder lernen. Kam nach 14 Wochen erst heim – und ist später sogar wieder Rad gefahren. Lernte, sich wieder allein die Strümpfe anzuziehen, langsam mit Rollator über den Hof zu marschieren. Konnte sich seinem Hobby, der Familienforschung widmen. Eine meterbreite Ahnentafel hängt im Flur, Handarbeit.

Der Vater von drei Kindern, Opa von sieben Enkeln und Uropa von bald zehn Urenkeln strahlt vor Dankbarkeit. Viele Bilder für die Ewigkeit, vom «dort oben» im Himmel oder «die Armee dort unten» flicht er in seine Erzählung: er, der Letzte, der noch lebt aus seiner Schulklasse von neun Jungs und vier Mädchen. «50 Jahre Mähdrescherfahren”, das Schild mit Fotoandenken hat ihm sein Sohn geschenkt; 60 Jahre hat er im gemischten Chor gesungen; 92 Jahre alt wird er bald, und gegen Ende 2026 will er mit seiner Frau 70 Jahre Ehe feiern: Gnadenhochzeit.

«Aber ich weiß ja», sagt er, «Gott vergisst keinen.» Eine Gnade, dass sie beide noch da sind. Und eine wunderbare Erinnerung, wie er damals, endlich dem Pflegeheim entkommen, die Pfarrerin angerufen hat. «Anja,» hat er gesagt, «ich bin wieder auf den Beinen!»

Titelbild der Ausgabe "Nur gute Nachrichten" des blick in die kirche-Magazins (04/2026)
«Nur gute Nachrichten» als E-Paper

In einer Zeit von schlechten Botschaften präsentiert das „blick in die kirche-Magazin“ eine Ausgabe ausschließlich mit guten Nachrichten. Wir haben mit der Journalistin Gundula Gause („heute journal“) über den Umgang mit Katastrophenmeldungen, über gute Nachrichten, die sie vermelden durfte, über den Glauben und ihr Privatleben gesprochen.

Außerdem waren wir zu Besuch im inklusiven Café Salamanca in Cölbe, bei einem Pfarrer mit Mini-Schweinen, bei einem Mann, der das scheinbar letzte Abendmahl um Jahre überlebt hat und in Kaufungen, wo Seniorinnen uns an ihrer Lebenserfahrung teilhaben lassen. Wir schauen in den Leuchtturm der Schulseelsorge in Oberurff, die Versöhnungsarbeit der Nagelkreuzzentren, in eine Kirche in Hanau und eine ungewöhnliche Kapelle am Edersee. 

Dekan Norbert Mecke aus Melsungen erklärt, warum Ostern eine „himmlische gute Nachricht“ ist und Elke Hesse, die Intendantin der Bad Hersfelder Festspiele, erzählt von der verbindenden Kraft des Theaters. Passend dazu gibt es beim Preisrätsel einen Hotelaufenthalt und Theaterkarten für Bad Hersfeld zu gewinnen. Das alles und noch mehr im neuen „blick in die kirche magazin“, das am Karsamstag den Tageszeitungen auf dem Gebiet unserer Landeskirche beiliegt.

Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt über 210.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.