Die Kirchen stellen das Geld der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) zur Verfügung, die es gezielt in einem Nothilfeprojekt im Libanon einsetzt. Dort leidet die Bevölkerung unter den wiederkehrenden Angriffen zwischen Israel und der Hisbollah. Mehr als 2.600 Menschen wurden nach libanesischen Angaben seit Anfang März getötet und mehr als eine Million vertrieben.
„Unsere Mitgliedskirche im Libanon, die National Evangelical Church of Beirut (NECB), tut für die Flüchtlinge, was sie kann“, berichtet Pfarrer Uwe Gräbe, Fachbereichsleiter Nahost der EMS. Familien, die keinen Zugang zu staatlichen oder internationalen Hilfsprogrammen haben und oft bei Verwandten untergekommen sind, können mithilfe von Spendengeld Lebensmittel und Hygieneartikel erwerben. Um sie mit dem Nötigsten zu versorgen, hat die NECB ein Gutscheinsystem entwickelt. Sie hat zudem ihr früheres Schulgebäude als Zufluchtsort für Vertriebene geöffnet. Dort kümmern sich auch Studierende und Mitarbeitende der Near East School of Theology (NEST) ehrenamtlich um rund 350 Inlandsvertriebene und Geflüchtete. Sie bieten vor allem Freizeitaktivitäten für Kinder an, erteilen in bescheidenem Umfang informellen Unterricht und begleiten Familien beim Einkaufen von Lebensmitteln, die diese dann selbst zubereiten können.
Mit dem Spendengeld der drei evangelischen Landeskirchen kann diese Arbeit nun fortgesetzt werden. Gräbe appelliert, den Krieg und das Leiden der Menschen zu beenden. Er führt indes vor Augen, dass der Hilfsbedarf auch mit einem Kriegsende nicht vorbei sein wird. „Diejenigen, die von Süden nach Beirut geflohen sind, haben nichts mehr, wohin sie zurückkehren könnten. Die Dörfer wurden geradezu pulverisiert.“
Mehr zur Nahost-Nothilfe der Evangelischen Mission in Solidarität
Die evangelischen Landeskirchen wollen auf das Leid der Betroffenen und das Engagement der Helfenden aufmerksam machen. Sie beten für Frieden und bitten um Unterstützung.
Hintergrund
Als Nachbar von Syrien und Israel ist der Libanon stark von den umliegenden Konflikten und Kriegshandlungen betroffen. Seit Anfang März hat sich der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah erneut verschärft, nachdem die Hisbollah aus Solidarität mit Iran in dessen Krieg gegen Israel und die USA Raketen auf den Norden Israels abgefeuert hatte. Israel reagierte darauf mit Angriffen im Südlibanon. Trotz der seit dem 17. April geltenden Waffenruhe bleibt die Situation angespannt; es kommt weiterhin zu gegenseitigen Angriffen.
Offener Brief an die Politik
An der prekären leidvollen Situation der Menschen vor Ort werde sich in nächster Zeit nichts ändern, daher brauche es mehr Aufmerksamkeit auch in der deutschen Öffentlichkeit und vor allem in der deutschen Politik, findet der „Freundeskreis der NEST e.V.“. So haben die Mitglieder einen offenen Brief formuliert, der Ende April an knapp 40 Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag verschickt wurde. Jeder Brief wurde persönlich adressiert und zugestellt. Der Brief ging auch an den „Parlamentskreis Libanon“ beim Bundestag.
Der Brief ging auch an den „Parlamentskreis Libanon“ beim Bundestag, berichtet Pfarrer Andreas Goetze, Referent für den interreligiösen Dialog am Zentrum Oekumene von EKHN und EKKW. Er steht in Kontakt mit Prof. Dr. Martin Accad, dem Präsidenten der NEST. Accad sieht den Auftrag der Kirchen darin, Licht in dunkler Zeit zu bringen. So helfen seine Studierenden wie oben beschrieben mit dem Antrieb, etwas Sinnvolles zu tun.
Ohne dieses Engagement der NEST und ohne die Hilfe durch die NECB würde das Elend noch größer sein. Die Spendenmittel der drei Landeskirchen seien eine große Unterstützung und ermutigten die Menschen vor Ort, weiter ihr Möglichstes zu tun, ist Accad überzeugt. Denn ohne diese vielen kleinen Aktivitäten hätten schon während der letzten Kriege viele Menschen nicht überlebt.
Offener Brief zur Krisenlage im Libanon im Wortlaut
Seit Jahren befindet sich der Libanon in einer schweren Krise, die das Land politisch wie wirtschaftlich zunehmend destabilisiert hat. Nun hat die fortgesetzte Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zu einem verheerenden Krieg geführt, dessen Ende trotz der aktuellen Verhandlungen derzeit nicht absehbar ist.
Durch diesen Krieg wurden nach Angaben der libanesischen Behörden bereits fast 1.500 Menschen und drei Blauhelmsoldaten getötet. Krankenwagen, Sanitäterinnen und Sanitäter und weitere Ersthelfende werden angegriffen. Über eine Million Menschen sind auf der Flucht, darunter, so die Angaben von UNICEF, 370.000 Kinder.
Über verschiedene akademische und zivilgesellschaftliche Vereine und Organisationen sind wir eng mit der Near East School of Theology (NEST) sowie weiteren kirchlichen Institutionen im Libanon verbunden und stehen mit Freunden und Bekannten im Libanon im engen Kontakt.
Zahlreiche engagierte Initiativen vor Ort, darunter auch viele kirchliche, stellen in der Krise so gut es geht dringend benötigte Hilfe zur Verfügung, fast ausschließlich finanziert durch Spenden. So bringt auch die National Evangelical Church Beirut (NECB) in Zusammenarbeit mit der NEST 300 Geflüchtete, darunter viele Kinder, in einem ehemaligen Schulgebäude unter. Sie werden mit Essen versorgt, aber auch mit einem Freizeitprogramm, das insbesondere den Kindern ein Stück Ablenkung bieten kann und soll. Trotzdem ist das Leid im Libanon bereits jetzt viel zu groß, als dass diese Initiativen es umfassend abfangen können: Die Menschen im Libanon helfen, wo sie können, aber sie können nicht mehr.
Die politische Situation und die bereits jetzt massive Zerstörung insbesondere im Südlibanon lassen erwarten, dass die Binnenvertriebenen auf absehbare Zeit nicht zurückkehren werden. Dies bedeutet insbesondere für die Hauptstadt Beirut eine enorme zusätzliche Beanspruchung der Infrastruktur und eine damit verbundene Ressourcenknappheit, die auch zu einer Bedrohung des fragilen interreligiösen Friedens werden kann. Aussagen der israelischen Regierung lassen befürchten, dass ein Ende der Eskalation noch lange nicht erreicht ist. So fordert Finanzminister Smotrich die Annexion des Südlibanon und Verteidigungsminister Katz eine Verwüstung im Südlibanon wie im Gazastreifen.
Gleichzeitig bedroht auch die Hisbollah die Integrität des libanesischen Staates und beschädigt die Autorität von Premierminister Nawaf Salam und Präsident Joseph Aoun. Die Gruppe führt weiterhin paramilitärische Operationen gegen die israelische Bevölkerung durch und handelt so in direkter Opposition zum Ziel der libanesischen Regierung, das Monopol über alle Waffen und die Verteidigung der libanesischen Bevölkerung zu erlangen. Solche Handlungen beschädigen nicht nur die staatliche Souveränität, sondern bedrohen auch langfristig die Stabilität des Libanon.
Wir sind angesichts der nicht abreißenden Bilder und Nachrichten fassungslos und in großer Sorge um die Menschen im Libanon. Die Angriffe derzeit, der massive Schaden auch unter der Zivilbevölkerung und die Bodenoffensive mit dem Ziel einer Annexion des Südlibanon als „Pufferzone“ werfen ernstzunehmende Fragen hinsichtlich der Einhaltung des humanitären Völkerrechts auf.
Deutschland muss vor diesem Hintergrund endlich entschlossen handeln!
Wir fordern daher die Mitglieder des Bundestags dringend auf, sich im Rahmen ihrer
parlamentarischen Möglichkeiten und gegenüber der Bundesregierung für die folgenden
Punkte einzusetzen:
- Eine völkerrechtlich fundierte Bewertung der aktuellen Kampfhandlungen,
insbesondere in Hinblick auf Angriffe mit vermeidbaren zivilen Opfern, Angriffe auf
zivile Infrastruktur ohne militärische Notwendigkeit und die gezielte Zerstörung von
landwirtschaftlicher Fläche, auch unter Einsatz von Phosphormunition. - Eine konsequente Anwendung der deutschen Gesetzeslage zum Export von
Rüstungsgütern und Dual-Use Gütern, solange die Anwendung des Völkerrechts durch
das Zielland Israel nicht sichergestellt ist. - Eine diplomatische Initiative Deutschlands in Zusammenarbeit mit europäischen
Partnern für eine sofortige Deeskalation des Konflikts, eine beidseitig eingehaltene,
langfristige Waffenruhe und weiterführende Verhandlungen. - Eine Prüfung der Aussetzung des Assoziierungsabkommens EU-Israel, um
sicherzustellen, dass Artikel 2 (Achtung der Menschenrechte und der demokratischen
Prinzipien) eingehalten wird. - Die Stärkung internationaler Initiativen für eine umfassende Untersuchung und
Dokumentation von Völkerrechtsverstößen und zur Untersuchung möglicher
Kriegsverbrechen. - Eine diplomatische und politische Stärkung der UNIFIL-Mission durch Deutschland,
insbesondere für den Schutz der Blauhelmsoldatinnen und -soldaten und eine
Stärkung ihres Mandats. - Die Unterstützung der Bemühungen der aktuellen libanesischen Regierung beim
Wiederaufbau staatlicher Souveränität insbesondere im Hinblick auf die Entwaffnung
der Hisbollah als nicht-staatlichem Akteur. - Die Priorisierung des Schutzes ziviler Infrastruktur insbesondere von
Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern und medizinischem und humanitärem
Personal und die Unterstützung von in diesem Bereich aktiven internationalen
Nichtregierungsorganisationen. - Eine verstärkte finanzielle und strukturelle Unterstützung für die aktuelle
Krisenbewältigung sowie den perspektivischen Wiederaufbau des Libanon. - Die gezielte Förderung lokaler Akteure beispielsweise durch die Einrichtung
unbürokratischer Förderinstrumente im Bereich der humanitären Hilfe, insbesondere
der medizinischen Versorgung, der Traumahilfe, der Versorgung von
Binnenvertriebenen aber auch zur Förderung des interreligiösen und
interkonfessionellen Dialogs. - Die Schaffung von Schutzprogrammen für gefährdete Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler sowie Studierender durch beschleunigte Visaverfahren und die
Stärkung von Austauschprogrammen.
Häufig gerät die Situation im Libanon in der deutschen Öffentlichkeit angesichts noch größerer
Konflikte und Krisenherde in den Hintergrund. Bitte tragen Sie dazu bei, dass das Leid der
Menschen vor Ort die politische Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.
Hintergrundinformationen und Presseanfragen zum offenen Brief
Dr. Andreas Goetze
Zentrum Oekumene der EKHN und EKKW, Libanon-Freundeskreis der EKHN und EKKW, Beiratsmitglied des SiMO-Studienprogramms („Studium im Mittleren Osten“)
Wie sind die Landeskirchen mit der Region verbunden?
Die EKKW und die EKHN sind über diverse ökumenische Beziehungen mit Kirchen und Christinnen und Christen in der Region verbunden:
Near East School of Theology (N.E.S.T.), Beirut: Die EKHN ist seit vielen Jahren mit der N.E.S.T. verbunden, einer theologischen Hochschule in Beirut (Libanon). Über Studium, Delegationsreisen und persönliche Begegnungen bestehen Kontakte zu Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Libanon und aus Syrien. Das Sabbatical-Programm der N.E.S.T., das Geistliche aus Krisenregionen stärkt und begleitet, wird von der EKHN maßgeblich unterstützt.
Das Studienprogramm SiMO (Studium im Mittleren Osten) an der NEST ermöglichen das Studieren, Forschen und Arbeiten im Libanon für mindestens 3 und maximal 12 Monate.
Evangelische Mission in Solidarität (EMS): Sowohl EKHN als auch EKKW sind Mitglied der EMS. Über dieses internationale Netzwerk bestehen kirchliche Beziehungen und Austauschformate mit Kirchen im Nahen Osten, darunter auch in Syrien.




