Wen fragt man am besten auf der Suche nach guten Nachrichten? Vielleicht Menschen mit ganz viel Lebenserfahrung, so wie die 17 Frauen, die sich diese Woche im Seniorenkreis Kaufungen bei Kaffee und Kreppeln – oder: Berlinern – treffen. Pfarrerin Dr. Christina Bickel spricht in einer kurzen Andacht über die kleinen und großen Nachrichten und über die frohe Botschaft der Bibel.
Dann fragt sie in die Kaffeerunde, wem gute Nachrichten einfallen, die der Reporter aufschreiben und mitnehmen könne. Eine erzählt, dass vor 30 Jahren ihre Enkeltochter zur Welt kam und das ein guter Grund für eine Flasche Sekt war.
Eine andere berichtet, wie ein verletzter Kormoran gegen eine Scheibe klopfte und das zufällig an einer Klinik, die ihn dann gerettet hat. Das kam im Fernsehen. Eine steuert ein Erlebnis vom Waldrand bei, wo eine Rotte Wildschweine alles umgrub und dabei ein Zeitungsausriss mit einer Anzeige zum Vorschein kam: «Da hat meine Schwiegermutter früher eingekauft.» Eine Erinnerung kam ans Licht. Aber ist das schon eine gute Nachricht?
Die Frauen, die hier beisammen sitzen, haben viel erlebt und natürlich nicht nur Gutes. Im Gegenteil: Der Krieg hat sich eingebrannt in die Erinnerungen. «Der Himmel war rot», erzählt die Tischnachbarin, die den Bombenangriff auf Dresden mit ansehen musste. Und sie erinnert sich an die Zeit des Hungers, als ein halbes Brot «für vier Mann» reichen musste.
Kann es angesichts des Leidens und Sterbens so etwas wie gute Nachrichten überhaupt geben? Vier Frauen aus dem Seniorenkreis haben uns etwas ausführlicher davon erzählt, was ihnen Freude und Hoffnung gibt; von kleinen und großen Momenten, von Erinnerungen und Anekdoten und auch von der Musik. Als der Erzählnachmittag sich dem Ende nähert und der Reporter auf dem Weg nach draußen ist, wird drinnen noch gesungen: «Die Gedanken sind frei.»

Porträt von Johanna Raabe
Als das Wasser im Keller stand
Ein Gastchor aus Essen war zu Besuch und Johanna Raabe und ihr Mann hatten gleich drei Mitglieder bei sich untergebracht. Es war ein Ausflug geplant, Treffpunkt Bürgerhaus, und sie wollte noch schnell duschen. Doch dann: «Verdammte Hexe, kein Wasser!» Ein Rohrbruch, im Keller stand das Wasser und im Bürgerhaus wartete man auf die Frau, die auch Erste Vorsitzende des Männergesangsvereins Oberkaufungen war (trotz des Namens längst auch mit Frauen).
Sie besorgte Handwerker, machte sich zurecht und kam noch rechtzeitig zum Essen ins Bürgerhaus. Solche kleinen Malheure konnten Johanna Raabe nicht die Laune verderben. «Es wurde noch», erinnert sie sich, «ein feucht-fröhlicher Abend.»
Seit 1948 ist die heute 97-Jährige Mitglied im Verein. Den Mann, der gleichzeitig eintrat, heiratete sie später. Seit zwei Jahren singt sie nicht mehr im Chor mit, aber sie hat ein Lieblingslied, das mehr ist als einfach nur ein Lied. Es ist Johanna Raabes Motto: «Musik ist mein Leben.»
Das alte Foto
Im vergangenen Jahr wurden in Kaufungen fünf Stolpersteine verlegt, die an das Schicksal von ermordeten, deportierten und vertriebenen Juden erinnern. Bei der begleitenden Recherche tauchte ein Foto auf, das zwei Mädchen im Sandkasten zeigt, eines davon ist die heute 81-jährige Inge Neumann.
Zur Verleihung der Stolpersteine waren Angehörige der Familie Cohn angereist. Eine sprach Inge Neumann an und stellte sich als jene Sandkastenfreundin Ruth heraus. Das Bild sei 1947 entstanden, damals lebte ein Teil der Familie Cohn unter anderem Namen noch in Kaufungen. «Wir haben uns fast 80 Jahre nicht gesehen», erzählt Inge Neumann. Und nun standen sie sich als alte Frauen wieder gegenüber, ein bewegender Moment.
Inge Neumann ist auch in ihrem achten Lebensjahrzehnt aktiv und setzt sich für Brot für die Welt und andere Hilfswerke ein. Außerdem wären die Einschulungsgottesdienste in Kaufungen ohne sie nicht so schön. Gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen häkelt sie für jedes Schulkind ein Geschenk, insgesamt 75 Stück. In einem Jahr waren es Smileys, einmal Schweinchen. Die für Sommer sind schon in Arbeit, das Motiv soll aber noch nicht verraten werden.

Porträt von Inge Neumann

Ein altes Foto der Sandkastenfreundinnen Inge und Ruth
Der Neubeginn
Alte Bäume verpflanzt man nicht, sagt eine Redewendung. Doch Gerda Anders musste vor sieben Jahren einen Neuanfang wagen. Ihr Mann hatte einen Schlaganfall erlitten und da war es besser, in der Nähe der Tochter zu sein. Also zogen sie von Braunschweig nach Kaufungen. Fünf Jahre lang pflegte Gerda Anders ihren dementen Mann, bis er verstarb. «Ich konnte ihn nicht aus den Augen lassen», erzählt die 87-Jährige und man kann etwas erahnen, wie zehrend diese Zeit gewesen sein muss. Gelegenheit und Zeit, neue Menschen kennenzulernen, gab es nicht.
Als sie alleine war, beschloss Gerda Anders, selbst aktiv zu werden. In Kaufungen gibt es eine Begegnungsstätte der Gemeinde. «Ich habe allen Mut zusammengenommen und bin dahin gegangen.» Der Mut hat sich gelohnt. Sie treffe dort immer auf ein offenes Ohr, tolle Mitarbeitende und ein interessantes Programm. «Seitdem geht es mir richtig gut», sagt Anders. Und wenn der kirchliche Seniorenkreis sich trifft, ist sie auch dabei. Gerda Anders hat ein Rezept gegen Einsamkeit gefunden: sich ein Herz fassen und auf andere zugehen.
Völkerverständigung, die 2,7 Gramm wiegt
Elisabeth Eiling hat ihr ganzes Leben, das schon 95 Jahre währt, in Kaufungen gelebt. Sie war 13, als Kassel bombardiert wurde: «Da habe ich meinen Vater zum ersten Mal weinen sehen», erzählt sie. Ihr jüngster Bruder fiel in Smolensk (Russland), der ältere Bruder starb an Wunden, die er aus dem Krieg mitbrachte. Im April 1945, nicht lang also vor Kriegsende, wurde das Wohnhaus der Familie von einer Bombe getroffen, der Vater kam zu Tode. Und Elisabeth war gerade mal 21 Jahre alt, als ihre Mutter nach einem Unfall starb. Und heute hört sie in den Nachrichten wieder vom Krieg und sagt: «Die Menschheit wird nicht schlauer.»
Doch die 95-Jährige ist keine verbitterte Frau, sondern strahlt Wärme und Freundlichkeit aus. Vielleicht kann man sagen, dass Elisabeth Eiling ihr ganz eigenes Werkzeug zur Völkerverständigung gefunden hat. Es wiegt gerade einmal 2,7 Gramm: ein Tischtennisball. Die Kaufungerin stand Jahrzehnte und bis ins hohe Alter an der Tischtennisplatte. Der Sport führte sie um die ganze Welt. Sie trat in Australien, Japan, Kanada, Brasilien, China und vielen anderen Ländern zu Meisterschaften an. In China schaffte sie es mit einer Mitspielerin (Altersklasse 80–85) bis ins WM-Finale, das sie gegen zwei Japanerinnen verloren.
Mit einer Spielerin aus Japan pflegte sie eine Brieffreundschaft, eine Tischtennis-Freundin aus Namibia war auch schon in Kaufungen zu Besuch. Heute wandert Elisabeth Eiling gerne, hat aber den Tischtennisschläger aus der Hand gelegt. Würde sie heute, mit 95 Jahren, noch einmal antreten, «wäre ich Weltmeisterin ohne zu spielen».

Porträt von Elisabeth Eiling

«Nur gute Nachrichten» als E-Paper
In einer Zeit von schlechten Botschaften präsentiert das „blick in die kirche-Magazin“ eine Ausgabe ausschließlich mit guten Nachrichten. Wir haben mit der Journalistin Gundula Gause („heute journal“) über den Umgang mit Katastrophenmeldungen, über gute Nachrichten, die sie vermelden durfte, über den Glauben und ihr Privatleben gesprochen.
Außerdem waren wir zu Besuch im inklusiven Café Salamanca in Cölbe, bei einem Pfarrer mit Mini-Schweinen, bei einem Mann, der das scheinbar letzte Abendmahl um Jahre überlebt hat und in Kaufungen, wo Seniorinnen uns an ihrer Lebenserfahrung teilhaben lassen. Wir schauen in den Leuchtturm der Schulseelsorge in Oberurff, die Versöhnungsarbeit der Nagelkreuzzentren, in eine Kirche in Hanau und eine ungewöhnliche Kapelle am Edersee.
Dekan Norbert Mecke aus Melsungen erklärt, warum Ostern eine „himmlische gute Nachricht“ ist und Elke Hesse, die Intendantin der Bad Hersfelder Festspiele, erzählt von der verbindenden Kraft des Theaters. Passend dazu gibt es beim Preisrätsel einen Hotelaufenthalt und Theaterkarten für Bad Hersfeld zu gewinnen. Das alles und noch mehr im neuen „blick in die kirche magazin“, das am Karsamstag den Tageszeitungen auf dem Gebiet unserer Landeskirche beiliegt.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt über 210.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.
