Nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe haben die gezielten Angriffe auf Energieanlagen die Not im Land deutlich verschärft. „Hunderttausende Menschen sind seit vielen Wochen bei Minusgraden ohne Strom, ohne Wasser oder ohne Heizung. Die Kälte wird in dieser Phase des Kriegs als Waffe eingesetzt, um die Menschen zu brechen“, sagte der Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler. Mit diesem Vorgehen habe der Krieg „eine neue Dimension erreicht, welches unverhältnismäßig viel Leid für die Zivilbevölkerung erzeugt und völkerrechtswidrig ist“. Mit Blick auf mögliche Gespräche zwischen Russland und der Ukraine betonte Keßler: „Der Schutz der Zivilbevölkerung darf nicht Verhandlungsmasse sein, sondern ist völkerrechtlich vorgeschrieben.“
Zusätzliche Winterhilfe für betroffene Familien
Angesichts des weiterhin anhaltenden Winters setzt die Diakonie Katastrophenhilfe ein zusätzliches Winterhilfe‑Programm um. Nach Angaben des Büroleiters in Kyjiw, Andrij Waskowycz, würden mehr als 700 Familien in Kyjiw und Dnipro unterstützt. „Mit Gutscheinen können Familien Brennstoff, Reparaturmaterial oder Kleidung gegen die anhaltende Kälte kaufen“, sagte Waskowycz. Die Maßnahmen ergänzten laufende Hilfsprojekte, etwa Evakuierungen, die Reparatur von Wohnraum und psychosoziale Angebote.
Millionen Menschen traumatisiert
Die seelischen Folgen des Krieges seien enorm. „Mindestens 15 Millionen Menschen sind durch den Krieg traumatisiert. Das hinterlässt tiefe Spuren in der gesamten Gesellschaft“, sagte Waskowycz. Zugleich warnte er vor einer zunehmenden Konzentration humanitärer Hilfe auf Frontregionen. In zentraleren Landesteilen, in denen sich viele der rund 3,6 Millionen Binnenvertriebenen aufhielten, gingen Hilfsprogramme zurück. „Die Suche nach Hilfe wird zu einem gefährlichen Pull-Faktor, wenn viele Vertriebene eine Rückkehr in frontnahe Gebiete in Betracht ziehen. Hilfe muss deshalb in der gesamten Ukraine geleistet werden, um das zu vermeiden“, sagte Waskowycz.

Langfristige soziale Folgen und überlastete Helfer
Auch das evangelische Entwicklungswerk Brot für die Welt weist auf langfristige soziale Folgen des Krieges hin. Es unterstützt derzeit 15 lokale Partnerorganisationen in der Ukraine, die unter anderem zu geschlechtsspezifischer Gewalt, HIV‑Prävention und psychosozialer Betreuung arbeiten. „Diese Probleme sind mit dem Krieg nicht verschwunden, sondern weiterhin eine enorme Herausforderung“, sagte Vitaliy Mykhaylyk vom Rehabilitationszentrum St. Paul in Odessa. „Hunderttausende Soldaten wurden verletzt oder getötet. Das reißt tiefe Wunden in Familien und verstärkt gesellschaftliche Probleme.“ Zudem fehlten Kapazitäten, um Helferinnen und Helfer ausreichend zu unterstützen. „Wir bilden Freiwillige fort und stärken sie, um Erschöpfungssyndrome frühzeitig zu erkennen und Burnout vorzubeugen. Viele Helferinnen und Helfer haben ihre Belastungsgrenze längst erreicht.“
79 Millionen Euro an Spenden
Seit 2022 hat die Diakonie Katastrophenhilfe nach eigenen Angaben rund 79 Millionen Euro an Spenden für die Ukraine-Hilfe erhalten und eingesetzt, zusätzlich zu Mitteln des Auswärtigen Amts. Das verstärkte Engagement europäischer Länder reiche jedoch nicht aus, um die durch den Rückzug der USA entstandene Finanzierungslücke zu schließen.

