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Kreuzigung Jesu
Kassel / Dr. Insa Rohrschneider, Redaktion ekkw.de
Veröffentlicht 25 Sep 2026

Schwierige Deutungen des Kreuzes

Während die Bindung Isaaks auch davon handelt, dass Gott kein Menschenopfer möchte, ist die Erzählung von der Kreuzigung Jesu in der (christlichen) Tradition vielfach im Sinne eines Opfers dargestellt und verstanden worden – sei es im Sinne eines von Gott dargebrachten oder durch ihn geforderten Opfers zur Vergebung der Sünden, sei es im Sinne eines Selbstopfers Jesu. Alle diese Lesarten finde ich schwierig. Ist Gott noch Gott, wenn er eine Gegenleistung für seine Vergebung braucht oder selbst ein Opfer bringen muss? Und wie grausam, wenn es sich dabei auch noch um ein Menschenopfer handelt!

Historische Ereignisse und ihre Deutung

Auch hier: Die Erzählungen von der Kreuzigung Jesu sind mehr als 40 Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben worden. Dass ein Wanderprediger namens Jesus von Nazareth existierte und um das Jahr 30 zur Zeit des jüdischen Passafestes von den Römern in Jerusalem gekreuzigt wurde, ist historisch gesichert. Auch, dass wenige Tage später Menschen behaupteten, sie hätten den Toten lebendig gesehen. Diese historischen Tatsachen werden jedoch in den biblischen Texten nicht neutral festgestellt, sondern sie werden erzählt und dabei auch gedeutet. Legt man die vier Evangelien nebeneinander, entdeckt man Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Evangelisten davon überzeugt sind: Jesus wurde nach seinem Tod von Gott in ein neues Leben gerufen. Und: Jesu Tod hatte eine Bedeutung.

Warum wurde Jesu Tod als Opfer verstanden?

Die Menschen, die Jesus damals nach seinem Tod als lebendig erlebt hatten – und jene, die Jahrzehnte später darüber schrieben –, sie nahmen Bilder, Symbole und Deutungen aus ihrer (meist jüdischen) Tradition auf, um zu verstehen und auszudrücken, was sie wahrgenommen und erlebt hatten. So wurde die Lebendigkeit Jesu nach seinem Tod mit der Vorstellung einer Auferstehung von den Toten gedeutet, die sich in vergleichsweise jungen Texten aus dem heutigen Alten Testament findet (z.B. Daniel 12). Der Sinn des Todes Jesu wurde von der Auferstehung (besser: Auferweckung durch Gott) her im Sinne alttestamentlicher Motive wie Stellvertretung oder Sühnopfer verstanden. Diese Motive erschließen sich vielen Menschen heute nicht ohne weiteres. Für mich ist der Gedanke wichtig, dass auch diese Motive nicht davon ausgehen, dass Gott etwas (z.B. ein Opfer) braucht, um gnädig sein zu können oder zu vergeben. Vielmehr sind diese Praktiken Zeichen, damit Menschen das unsichtbare Geschehen der Gnade oder der Vergebung auch glauben können. Auch im Alten Testament gilt: Nicht Gott braucht das Opfer (um vergeben zu können), sondern der Mensch (um glauben zu können, dass Gott auch wirklich vergibt oder vergeben hat).

Warum Jesus gekreuzigt wurde

Zurück zum Tod Jesu: Nach meiner Überzeugung kann Gott jederzeit vergeben, auch ohne den Tod Jesu. Dass Jesus gestorben ist, liegt aus meiner Sicht daran, dass sein unbedingtes Gottvertrauen und seine radikale und unabhängige Lebensweise ihn ins Fadenkreuz vor allem der römischen Besatzungsmacht gebracht haben. Er wurde als politischer und religiöser Unruhestifter gekreuzigt (INRI – Jesus Christus, König der Juden). Später wurde sein Tod als «notwendig» gedeutet; das ergibt jedoch nur im Zusammenhang der Auferweckung durch Gott Sinn. Die Erzählung von Jesu Kreuzigung und Auferweckung antwortet nämlich auf eine ganz ähnliche Frage wie die von der Bindung Isaaks: Steht Gott wirklich zu seinen Verheißungen? Stimmt das: Wer sein ganzes Leben im unbedingten Vertrauen auf Gott lebt, hat ein reiches, gutes, erfülltes Leben? Der Augenschein lehrt anderes: Jesus, der nun wirklich voll und ganz mit und in Gott lebte, stirbt. Gott erscheint entweder ohnmächtig oder wortbrüchig, seinen Versprechen untreu.

Auferstehung als Zeichen von Gottes Treue

Doch dann erfahren Menschen den toten Jesus als lebendig. In den ältesten Worten, die davon erzählen (1. Kor 15,3-5), «erscheint» Jesus – und zwar als Erscheinungsform Gottes selbst. So wird deutlich: Das Leben, die Liebe zu Gott und den Menschen, die Jesus lebte, endet nicht mit seinem gewaltsamen Tod. Sie geht weiter, wirkt in denen, die ihm als «Auferstandenem», als lebendig begegnen. Denn Gott selbst nimmt den Menschen Jesus jenseits des Todes in sein eigenes Sein auf. Der auferstandene Jesus ist nicht identisch mit dem irdischen. Durch die Auferweckung wird Jesus zum Christus, zum Retter. Die Botschaft: Gott steht unverbrüchlich zu dem, was er verspricht – sogar wenn Menschen, die ihm völlig vertrauen, getötet werden. Der Erweis der Treue Gottes passiert hier nicht im zeitlichen, im irdischen Leben wie bei Abraham und Isaak, sondern jenseits dieses Lebens, nämlich im Leben der Menschen, die Jesus als «Auferstandenem» begegnen, als einem, mit dem Gott sich in einzigartiger Weise verbunden hat.  Dies geschah für die ersten Jüngerinnen und Jünger vermutlich in Visionen – wie auch für Paulus, der dem auferstandenen Christus später in einer Vision begegnet (Apg 9). Anderen Menschen begegnete und begegnet Gott in dem, was Menschen, die glauben, über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit Jesus Christus erzählen und schreiben. Die Botschaft: Gott steht auf der Seite des Lebens. Er wirkt in der Welt nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe. Seine eigene Macht hat er begrenzt, indem er sich entschieden hat, in der Welt zu leben und zu wirken – und zwar in Beziehungen, durch Liebe (in einem umfassenden Sinne). Deshalb ist Gott an der Seite Jesu, auch im Leiden, im Tod – und er ruft ihn in ein neues Leben. Dort sind schädigende und tödliche Kräfte machtlos. Gott steht zu seinen Versprechen: Wer mit Gott lebt, führt ein gutes, erfülltes Leben – auch wenn die irdischen Gegebenheiten ihm oder ihr alles abverlangen. Das gibt Hoffnung, vor allem, wenn sich das Leben mal wieder nicht als Ponyhof erweist.

Bibeltexte als Antworten auf Krisenerfahrungen

Die meisten Texte unserer Bibel sind in Krisensituationen entstanden. Menschen haben sich selbst und Gott infrage gestellt, Antworten erprobt und gefunden und sie anderen zur Verfügung gestellt. Nicht um zu sagen, wie es «wirklich» und «richtig» ist, sondern als Anregung für das eigene Denken und Handeln. Im Dialog mit biblischen Texten sollen und können Menschen ihre eigenen Zweifel und Gewissheiten aussprechen, wiederfinden, diskutieren. Und wenn es gut geht, wächst Vertrauen zu Gott und bringt Hoffnung und Lebensfreude mit sich.
 

„Erzähl doch mal“ als E-Paper

„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.

Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.

Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.