Ausgangspunkt für die Predigt der Bischöfin ist der Satz des Paulus: „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Versöhnung sei keine menschliche Leistung, sondern beginne damit, dass Gott den ersten Schritt gehe. „Gott nimmt uns an, steht weiter zu seiner Liebe zu uns und vergibt uns unsere Schuld, unsere Abkehr, unser Desinteresse“, so Hofmann. Versöhnung bedeute nicht, Schuld zu relativieren oder Verletzungen zu übergehen, so die Bischöfin. Es gehe darum, Wunden ernst zu nehmen und trotzdem nicht im Hass stehen zu bleiben.

Versöhnung ist für Dr. Hofmann ein „Zustandswechsel“, bei dem aus Feindschaft Frieden und aus Leben in getrennten Welten Gemeinschaft wird. Gott eröffne einen Raum der Versöhnung und lade die Menschen dazu ein, darin in eine andere Beziehung zu ihm und untereinander zu treten. „Denn wer aus der Versöhnung Gottes lebt, der kann nicht weiter andere Menschen hassen“, so Bischöfin Hofmann.
Anhand konkreter Beispiele – aus Nordirland, Israel und Palästina – zeigte die Bischöfin, wie Zuhören und Erzählen Räume öffnen können, in denen Gewalt nicht fortgeschrieben wird. Das Nagelkreuz von Coventry stehe für diesen Weg: für den Bruch mit Vergeltung und für die Entscheidung, Menschlichkeit stärker zu nehmen als Hass.
Predigt-Download (PDF)
Predigt von Bischöfin Dr. Beate Hofmann zu Karfreitag am 3. April 2026 in der Kasseler Martinskirche, Predigttext: 2. Kor 5, 18-20
Martinskirche ist Teil der Nagelkreuzgemeinschaft
Die Kasseler Martinskirche ist Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Im Rahmen eines ökumenischen Festgottesdienstes am 22. Oktober 2025 hat Reverend Kate Massey von der Kathedrale in Coventry ein Nagelkreuz an die Kirche überreicht. Damit gehört die Martinskirche zu einem weltweiten Netzwerk von Kirchen, Schulen und Städten, die sich dem Anliegen der Versöhnung, der Hoffnung und des Friedens verpflichtet fühlen.
Nagelkreuz der Kasseler Martinskirche

Über die Aufnahme der Kasseler Martinskirche in die internationale Nagelkreuzgemeinschaft im Jahr 2025 berichten wir hier.
Das Nagelkreuz von Coventry
Die Nagelkreuzgemeinschaft geht auf die Kathedrale der englischen Stadt Coventry zurück. Am 14. November 1940 wurde die Stadt bei einem Luftangriff der deutschen Luftwaffe schwer zerstört. Auch die mittelalterliche Kathedrale fiel den Bomben zum Opfer. Der damalige Dompropst Richard Howard rief in seiner Weihnachtsbotschaft zur Versöhnung auf.
Drei große Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl der zerstörten Kirche wurden zu einem Kreuz geschmiedet – als Zeichen für Frieden und Hoffnung. Dieses Nagelkreuz wurde zum Symbol einer weltweiten Bewegung. Das älteste Nagelkreuz hängt seit 1947 in der Kieler Nikolai-Kirche. In Hessen gibt es weitere Nagelkreuzzentren in Darmstadt und Hanau.
Versöhnungsgebet von Coventry
Vater vergib! - Nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry am 14./15. November 1940 durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte «Vater vergib» in die Chorwand der Ruine meißeln.
Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet von Coventry, das die Aufgabe der Versöhnung in der weltweiten Christenheit umschreibt. Das Gebet wurde 1958 formuliert und wird seitdem an jedem Freitagmittag um 12 Uhr im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale in Coventry und in vielen Nagelkreuzzentren der Welt gebetet.
Wir dokumentieren im Wortlaut:
Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)
Den Hass, der Nation von Nation trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,
Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,
Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,
Vater, vergib.
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,
Vater, vergib.
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)
Die Ereignisse am 22. Oktober 1943 in Kassel
Am 22. Oktober 1943 warfen alliierte Fliegerverbände Bomben im Zweiten Weltkrieg auf Kassel ab. Bei dem Angriff fanden 10.000 Menschen den Tod, große Teile der Stadt wurden weitgehend verwüstet. Traditionell läuteten die Osanna-Glocke der Martinskirche sowie weitere Glocken im Stadtgebiet ab 20.44 Uhr zehn Minuten lang, um an das Ereignis zu erinnern. Um die Uhrzeit begann der Bombenangriff, bei dem über 400.000 Sprengkörper auf Kassel abgeworfen wurden. Bis heute werden immer noch Blindgänger im Stadtgebiet entdeckt.



