Meine Suche

service
Bunte, leuchtende Linien verlaufen symmetrisch auf schwarzem Hintergrund.

Foto (Ausschnitt): Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de

Liebe Synodalgemeinde!

Wir feiern in diesem Jahr den 500. Geburtstag der evangelischen Kirche in Hessen und den 500. Geburtstag von Synodalität als Fundament der evangelischen Kirche. Synoden gab es schon vorher, aber nicht als Mischung von Geistlichen und Nichtgeistlichen aus ganz verschiedenen Lebenswelten. Wir wissen nicht genau, warum die Homberger Synode in dieser Zusammensetzung einberufen wurde. Aber es war eine kluge Idee, Menschen mit verschiedenen Perspektiven zusammen zu holen, um Ideen und Lösungswege für eine evangelischen Kirche gewinnen.

Ich weiß nicht, ob die Menschen vor 500 Jahren auch so ein Gefühl von Zeitenwende hatten wie wir heute, damals, nach dem Bauernkrieg, mitten in gesellschaftlichen Umbrüchen und manchen tektonischen Verschiebungen in der Weltpolitik. Ganz sicher kannten sie auch die grundsätzlichen Fragen, die sich uns stellen: Was trägt mein Leben? Was hält uns als Gesellschaft zusammen? Was bestimmt die Geschicke dieser Welt? 

Beim Nachdenken über diese Fragen hat sich mir ein biblischer Text aufs Herz gelegt, den ich in diesem Gottesdienst mit Ihnen meditieren möchte. Sie haben ihn eben schon gehört: Das Hohe Lied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief.

«Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.»
Aus dem 1. Korintherbrief, Vers 13,13 (Lutherbibel 2017)

Vielleicht war das für die eine oder den anderen von Ihnen der Konfirmationsspruch oder Trauspruch. 

Luise Schottroff, deren Übersetzung ich für diesen Gottesdienst ausgewählt habe, übersetzt das so:

«Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe.»
Aus dem 1. Korintherbrief, Vers 13,13 (Luise Schottroff)

Für das Wort πίστις (pístis) wählt sie nicht wie üblich Glauben, sondern „Vertrauen“: Es geht beim christlichen Glauben um eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott, nicht so sehr um das Für-wahr-Halten bestimmter Überzeugungen.

Wir erleben seit einigen Jahrzehnten, dass diese Haltung vielen Menschen immer fremder wird. Sie sind keine glühenden Atheisten, die sich intensiv mit der Frage beschäftigen, ob es Gott gibt oder nicht. Für sie hat Religion keine Relevanz, sie ist ihnen gleichgültig. Sie sind „Apatheisten“.

„Beharrlich im Glauben, stur in der Hoffnung, leidenschaftlich in der Liebe“

Predigt von Bischöfn Dr. Beate Hofmann im Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrstagung der Landessynode zum Nachlesen (PDF-Dokument)

Nichts, was wir als Kirche „machen“ oder „vermitteln“ können

Immer wieder höre ich im kirchlichen Raum die Frage: Welchen Fehler machen wir, dass die Menschen nicht mehr glauben? Ich finde diese Frage schwierig. Säkularisierung als globales Phänomen von Modernisierungsprozessen lässt sich nicht durch das Programm einzelner Kirchen aufhalten. Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts tun können und das einfach so hinnehmen müssen. Doch müssen wir uns klar machen: Glauben, das Leben aus Gottvertrauen, das ist nichts, was wir als Kirche „machen“ oder „vermitteln“ können. Es ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. 

Unsere Aufgabe ist es, Orte zu bieten, wo Menschen dem Evangelium begegnen und wo sie erleben, was es heißt, aus dem Vertrauen auf Gott zu leben. Unsere Aufgabe ist es, von den Erfahrungen mit Gott zu erzählen, Evangelium zu teilen, die Bilder und Geschichten der Heiligen Schrift weiterzuerzählen und davon zu sprechen, welche Relevanz sie in unserem Leben haben.

Stattdessen: "meckernde Gespräche"

Und das braucht tatsächlich jede und jeden von uns. Wenn Menschen über Kirche schimpfen oder christliche Feiertage unverständlich oder verzichtbar finden, dann braucht es die ganz persönliche Gegenrede. Es braucht Menschen wie Sie und mich, die dann sagen, was Glaube und die Gemeinschaft der Glaubenden für Sie ganz persönlich bedeutet und austrägt. Die Punkikone Nina Hagen hat kürzlich in einem Interview über ihren Glauben gesagt: „Ich finde es traurig, dass sich die Menschen nicht euphorisieren lassen durch den wunderschönen Tatbestand des ewigen Lebens. Stattdessen führen sie meckernde Gespräche voller Getriebenheit und Hysterie.“

Neben dem Mut zum persönlichen Bekenntnis braucht es Beharrlichkeit. Am Ostermontag in der Straßenbahn erzählte mir jemand, dass er als junger Erwachsene aus der Kirche ausgetreten sei. Irgendwann im Lauf seines Lebens habe er dann gemerkt: Das, was mein Vater und meine Mutter, meine Großeltern da glauben und leben, das hat doch Bedeutung. Auch die Gemeinschaft derer, die in dieser Haltung lebt, macht Sinn und ist ein wichtiger Rahmen dafür, dass diese Botschaft und diese Haltung weiterlebt. Jetzt ist er wieder Mitglied und engagiert sich in seiner Gemeinde.

Solche Begegnungen machen mir Mut. Sie stärken mein Vertrauen, dass der Heilige Geist manchmal auf überraschende Weise Samen auf fruchtbaren Grund fallen und wachsen lässt, auch wenn das viel Geduld und Beharrlichkeit braucht. Denn es braucht Menschen im persönlichen Umfeld, die Glauben vorleben und Beispiel und Reibungsfläche bieten, das zeigt das Gespräch in der Tram.

Foto der Bischöfin Dr. Beate Hofmann beim Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrssynode am 23. April 2026. Foto: medio.tv/Schauderna

Foto: medio.tv/Schauderna

Hoffnungsstur

Je chaotischer die Welt wird, je schlimmer die täglichen Nachrichten, desto wichtiger wird mir die Hoffnung, dieses zweite Geschenk. Wir Christinnen und Christen sind hoffnungsstur. Wir leben in der Gewissheit: Das hier, das ist nicht das Letzte, das ist nur das Vorletzte. Alle Macht, alle Gewalt wird gebrochen durch den, der am Kreuz gestorben ist und all das überwunden hat. Das hat mit Ostern begonnen und es ist noch nicht vorbei. 

Und darum verzweifeln Christ*innen nicht, sondern sie suchen Lösungen, sie packen an, sie gehen den nächsten Schritt. In dieser Haltung spannen Christ*innen in den USA im Moment Sorgenetze, wenn ICE in eine Stadt kommt und die Jagd auf Zugewanderte einsetzt. Sie organisieren, wie Essen in die Häuser von Migrant*innen kommt und Kinder in die Schule kommen, sie begleiten Menschen zur Arbeit oder aufs Amt, sie stellen Öffentlichkeit her und sie protestieren friedlich gegen Gewalt. Und es wirkt, selbst bei so einem machtversessenen, verblendeten Narzisten wie Donald Trump. 

Hoffnungsstur sein ist nicht blind, aber hartnäckig festhalten an der Hoffnung. Wer hofft, macht sich keine Illusionen über den Ernst der Lage, lässt sich davon aber nicht lähmen. 

Steinerne Treppenstufen, auf deren Vorderseiten Schilder mit Textbotschaften angebracht sind. Jede Zeile beginnt mit dem Wort „LIEBE“, gefolgt von einem Verb in unterschiedlichen Farben und Schriftarten. Foto: Catrin Lerch, pfarrbriefservice.de

Foto: Catrin Lerch, pfarrbriefservice.de

Bei der Liebe

Und damit bin ich bei der Liebe. Liebe ist die Basis, die Grundhaltung in einem christlichen Leben, gespeist aus dem Geschenk, dass Gott uns ansieht, wahrnimmt, liebt. 

Der Hymnus des Paulus auf die Liebe ist ein Text, der bei mir seit Jahren Beklemmungen auslöst. Mein Praktikum im Frauenhaus und Begegnungen mit Betroffenen sexualisierter Gewalt haben mir gezeigt, wie toxisch dieser Text wirken kann. Die Liebe, die alles erträgt und duldet, wie Luther übersetzt hat, dieser Satz hat in so vielen Beziehungen Gewalterfahrungen von Frauen und Kindern verlängert. Aber er beruht auf einer Fehlinterpretation. Darum übersetzt Luise Schottroff: „Die Liebe hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft“.

Das griechische Wort, das Paulus hier benutzt - ὑπομένein - drückt ein sehr aktives Standhaft-Sein aus. Liebe knickt nicht ein, was immer ihr sich in den Weg stellt. Die Liebe ist voller Kraft, und ihr geht diese Kraft nicht aus, denn sie kommt von Gott - das ist die zentrale Aussage des Paulus.

Was das konkret bedeutet

Was das konkret bedeutet und welche Relevanz das in unserer Welt gerade hat, das höre ich z.B. von den Freund*innen im Libanon oder aus der Ukraine. In Situationen von Krieg und Ausnahmezustand ist ja die Frage: Denkt jetzt jeder nur noch an sich? Werden Läden geplündert, herrschen Angst und Gewalt auf den Straßen oder bleiben Solidarität und Achtsamkeit für die Schwächeren lebendig? 

Es beeindruckt mich, dass in den harten Winterwochen in Kiew ohne Strom und Wasser Nachbarn sich gerade in den Hochhäusern gegenseitig Wasser und Lebensmittel mitgebracht haben. So haben auch gehbehinderte oder kranke Menschen überlebt, für die diese Hochhäuser ohne Strom zum eisigen Gefängnis oder zur Todesfalle geworden wären. 

Aus dem Libanon berichtet Martin Accad, Präsident der N.E.S.T. (Near East School of Theology), der uns letztes Jahr in Kassel besucht hat. Nach den Bombardements auf Beirut in der Osterwoche haben Mitarbeitende und Studierende Verantwortung für eine Notunterkunft für Geflüchteten übernommen. Sie kaufen Lebensmittel, spielen mit den 4 Kindern und helfen, wo sie können. In diesem Engagement sehen sie einen Beitrag zur Mission Gottes (missio Dei). Die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Beirut erzählt, wie durch viele private Hilfeleistungen in dieser chaotischen Situation Menschen über- und weiterleben.

Sie alle tun damit das, was ihnen jetzt gerade möglich ist und überlassen sich nicht dem Gefühl, vollkommen ausgeliefert und ohnmächtig zu sein. Sie halten aus ihrem Glauben heraus fest an der Hoffnung und setzen auf die Liebe.

Zettel mit Aufschrift „Haltet zusammen, liebe Menschen!“ an schwarzer Wand, blauer Himmel. Foto: Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de

Foto: Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de

Eine Haltung radikaler Menschlichkeit

Solche Solidarität braucht es nicht nur im Krieg. Auch bei uns sind wir als Kirche aktiv daran, Sorgenetze zu knüpfen, gegen Einsamkeit, gegen das Gefühl, verlassen und vergessen zu sein. In Bad Karlshafen z.B. erproben wir in einem Projekt der Diakonie Hessen gerade, wie sich solche Netzwerke knüpfen lassen. 

Wir schaffen Gelegenheiten, in denen Menschen mit Unterstützungsbedarf und solche, die helfen wollen, sich vernetzen und gegenseitig unterstützen können. Wir ermutigen Menschen, aus ihrer Einsamkeit herauszutreten, und wir verknüpfen verschiedene Akteure, Vereine, Diakoniestation, MVZ, Kommune. Wir arbeiten daran, Konkurrenzdenken zu überwinden und eine Haltung der Kooperation zu stärken. 

All diese Beispiele zeigen: Liebe christlich verstanden ist kein romantisches Gefühl, sondern eine Haltung radikaler Menschlichkeit, getragen von Empathie, Solidarität, Fürsorge und Gemeinsinn. 

Diese Haltung trägt unser Miteinander, auch unsere Demokratie. Diese Haltung leidenschaftlich zu leben, gerade jetzt, sie konkret einzuüben und andere dazu anzustiften, dafür sind wir da. Oder, um es mit den Worten von Nina Hagen aus einem Interview der letzten Woche zu sagen: „Ich bin mir sicher: Die Liebe siegt immer. Love will survive. Die Zuversicht wird immer stärker sein als Hoffnungslosigkeit und Depression. Hören wir nicht auf die Miesmacher, die dafür sorgen wollen, dass die Menschen ihre Lebensfreude verlieren." 

Bunte, verschwommene Linien in Rot-, Gelb- und Blautönen auf dunklem Hintergrund. Foto: Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de
«Ob vor 500 Jahren in Homberg oder heute in Kiew, Beirut oder Hofgeismar: Christliche Gemeinschaften sind beharrlich im Glauben, stur in der Hoffnung und leidenschaftlich in der Liebe. Möge sich unsere Synode von diesen drei Geschenken leiten lassen. Amen»
Bischöfin Dr. Beate Hofmann