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Kirchenturm und -schiff im Spiegel großer Fenster. Foto (Ausschnitt): Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de

Foto (Ausschnitt): Peter Weidemann, pfarrbriefservice.de

Ein epochaler Wandel

Vieles, was über Jahrzehnte vertraut war, trägt nicht mehr: die Selbstverständlichkeit von Zugehörigkeit, die kirchliche Prägung im Elternhaus, die breite gesellschaftliche Verankerung. Und zugleich erkennen wir: Das Neue ist noch nicht fertig entwickelt. Unsere Kirche lebt derzeit im Zwischenraum. Wie der beschaffen ist, was ihn prägt und was ihn zu unserem Kirchenraum macht, beschreibt Bischöfin Hofmann in zwöf Thesen. 

These 1. Wir leben am Ende vertrauter Kirchenbilder – und noch ohne neues Gesamtbild.

Die bisherigen kirchlichen Selbstverständlichkeiten tragen nicht mehr. Ein vollständiges neues Bild von Kirche ist derzeit unmöglich, weil gesellschaftliche und innerkirchliche Entwicklungen zugleich radikal und unübersichtlich verlaufen. Unsere Kirche lebt derzeit im Zwischenraum.

Wir erleben einen epochalen Wandel, hier in Hanau spüren Sie den schon stark: Wir erleben das Ende der staatsanalogen Volkskirche als Mehrheitskirche.

Vieles, was über Jahrzehnte vertraut war, trägt nicht mehr: die Selbstverständlichkeit von Zugehörigkeit, die kirchliche Prägung im Elternhaus, die breite gesellschaftliche Verankerung. Und zugleich erkennen wir: Das Neue ist noch nicht fertig entwickelt.

Und wir erleben immer wieder radikale Disruptionen wie die Coronapandemie, Krieg, Energiekrisen, möglicherweise bald einen ersten AfD-Sieg in einem Bundesland mit massiven Folgen für die Kirche. 

Zwischenraum, Zwischenland haben wir das genannt, wobei die biblischen Anklänge auch fehlleiten, denn wir kommen nicht aus der Sklaverei und wir gehen eher nichts ins gelobte Land, aber ganz sicher dem Reich Gottes entgegen.

These 2. Unser Transformationsprozess lebt weniger von großen Visionen, sondern vom Aushalten von Offenheit und vom Erproben vielfältiger neuer Ideen.

Wir suchen nicht den großen Masterplan. Zukunft entsteht in Möglichkeitsräumen, die wir mutig eröffnen – geistlich wach, vielfältig, experimentierfreudig und ohne die Garantie eines sicheren Zieles.

Oft werde ich nach meiner Vision der Kirche der Zukunft oder meinem Masterplan gefragt. Und oft muss ich das enttäuschen wegen der massiven Disruptionen und auch, weil ich den Anspruch habe: Es muss sich entwickeln und das wird regional verschieden sein: Was in Hanau passt, passt nicht unbedingt in Fulda oder Kassel oder gar in Marburg. Die Kirchlichkeiten sind sehr verschieden…

Unsere Strategie ist: Möglichkeitsräume schaffen und ausprobieren. Innovation lebt vom Experimentieren, aber auch vom Scheitern und daraus lernen. Wichtig ist die Frage: Was will Gott von uns und wo werden wir jetzt besonders gebraucht?

Das Aushalten von Offenheit ist eine Form geistlicher Übung. Es heißt: Wir lassen dem Geist Gottes Raum. Wir nehmen Abschied von der Vorstellung, alles planen zu können. Und wir lernen, in der Ungewissheit zu handeln – nicht leichtfertig, sondern achtsam, sorgfältig und mutig und mit viel Ambiguitätstoleranz.

These 3. Säkularisierung stellt die Frage: Lässt sich heutige Sinnsuche überhaupt noch religiös formatieren?

Die Grundvoraussetzungen sind brüchig: Religiöse Sprache, biblische Kenntnisse, die Annahme von Gottesrelevanz. Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie unsichtbar religiöse Deutungen geworden sind.

Die KMU zeigt uns: Wir erleben derzeit radikale Abbrüche im Blick auf religiöse Orientierung und Kirchenzugehörigkeit. Diese Entwicklung ist schneller als in der Freiburger Studie angenommen und in ihrer Radikalität für viele schwer fassbar. Eine Grundfrage, vor die uns die Säkularisierung stellt, auch jenseits des Streites um den Grad von Säkularisierung oder individualisiert existierender Religiosität: Inwieweit lässt sich die Sinnsuche von Menschen überhaupt noch religiös formatieren? Welche Anknüpfungspunkte für diese Formatierung gibt es und wo laufen Bewegungen ins Leere, weil sie Voraussetzungen haben, die für immer mehr Menschen nicht mehr zutreffen, z.B. die Vertrautheit mit religiöser Sprache und biblischen Bezügen, die Fähigkeit zu einer religiösen Welterschließung oder schlicht die Annahme, Religion sei relevant für die Bewältigung der Herausforderungen des Lebens in unserer Zeit?1 

Die Corona-Pandemie und ihre Bewältigungsstrategien, die religiöse Fragen weitgehend außer Acht gelassen haben, können uns hier ein wichtiges Anschauungsbeispiel liefern. Und diese Entwicklung fordert uns auch theologisch: Wie bewerten wir eigentlich Gottvergessenheit und „Apatheismus“ (Jan Loffeld)? Ist das eine Folge von Gottes Gericht über uns? Oder Ausdruck von Gottes Ohnmacht? Oder die Vollendung menschlicher Freiheit, weil niemand den Menschen mehr vorschreiben kann, was sie glauben sollen?2 

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1 Vgl. Carsten Gennerich, David Käbisch, Kirchliche Partizipation in der Perspektive unterschiedlicher Wertorientierungen und Welterschließungsperspektiven, in: Sozialwissenschaftliches Institut der EKD: Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Relevanz von Religion und Kirche in der pluralen Gesellschaft. Analysen zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, S. 278-299.

2 Vgl. dazu die anregenden Überlegungen von Stefan Paas, Pilgrims and Priests, London 2019, und Jan Loffeld, Vgl. dazu auch Jan Loffeld: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Freiburg 2024. 

 

These 4. Religiöse Sozialisation geschieht heute weniger in der Familie.

Familie trägt weniger – Bildung, Kita, Schule, Jugendarbeit, Diakonie, Soziale Medien und andere Sozialräume werden entscheidend. Kirche muss ihre „Formatierungsgelegenheiten“ neu verstehen und gestalten.

Der sinkende Einfluss der Familie als Ort religiöser Sozialisation lässt uns verstärkt andere Orte in den Blick nehmen: Was leisten Kita, Religionsunterricht und Schule, Konfi-Arbeit, Kindergottesdienst, Jugendarbeit, aber auch Erwachsenenbildung, diakonische Einrichtungen, soziale Medien oder Ausbildungskontexte für die religiöse Formatierung von Sinnsuche?

Religiöse Prägung entwickelt sich dort, wo Menschen religiösen Erfahrungen begegnen: in Gemeinschaft, Gebet, Musik, Stille, Segen. 

These 5. Kirche bewegt sich von der Volkskirche in die Diaspora.

Der Übergang ist Realität: Minderheitenkirche statt Mehrheitsinstitution. Das bedeutet Verlust an Selbstverständlichkeit – aber auch neue Freiheit für Profil, Kooperation und Spiritualität.

Im Moment erleben wir in Deutschland Volkskirche im Übergang zu etwas Neuem. Nicht mehr da ist die selbstverständliche Kirchenmitgliedschaft einer Bevölkerungsmehrheit. 

Noch da ist das Miteinander verschiedener Frömmigkeitsstile und Bindungsformen: Im Unterschied zu den Freikirchen hat es in der Volkskirche immer schon Menschen gegeben, die sich stark für die Gemeinde engagiert haben und andere, die kirchliches Angebot selten oder nie genutzt haben. Diese Pluralität und die Fähigkeit, unterschiedliche Bindungsformen auszubalancieren, müssen wir uns bewahren. Sie ist eine wichtige Eigenschaft für die Zukunftsfähigkeit von Kirche, weil wir gesellschaftlicher Pluralität so eher gerecht werden. 

Noch und weiterhin da ist die Haltung, dass Kirche für alle da ist, nicht nur für die Mitglieder. Die Sendung hin zu „allem Volk“, in „alle Welt“, die bleibt auch in einer Kirche, die sich nicht mehr im bisherigen Konzept der Volkskirche bewegt. 

Wir haben, das zeigt die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, nach wie vor eine große Reichweite in der Gesellschaft. Menschen schätzen unser soziales Engagement und gehen selbstverständlich davon aus, dass Kirche diese Angebote von der Kita bis zur Notfallseelsorge weiterhin bietet, auch wenn sie selbst dazu keinen Beitrag mehr leisten. 

In der Diaspora zu leben heißt: Wir verlassen jene breite Basis, die uns lange getragen hat. Aber es heißt auch: Wir werden konzentrierter, klarer, bewusster Kirche. Diaspora ist nicht nur Zerstreuung – sie kann auch Einstreuung sein: ein kleiner, aber wirksamer Sauerteig.

These 6. Kirche der Zukunft ist regional, vernetzt und vielfältig – nicht flächendeckend.

Die Region und der Sozialraum werden wichtiger: Was bleibt parochial? Was wird regional?
Kirche wird lokaler, funktionaler und hybrider – und braucht neue Leitungsformen, neue Berufsbilder und ein klares Verständnis von Verantwortung in Netzwerken.

Schon mit der Einrichtung der Kooperationsräume 2015 war klar: Kirche der Zukunft gelingt nicht, wenn jede Kirchengemeinde für sich agiert. Wir müssen Kirche stärker regional denken und zusammenarbeiten. Nicht alle müssen alles an jedem Ort machen. 

Gelernt haben wir in den letzten Jahren: Kooperationsräume sind veränderlich. In vielen Kirchenkreisen werden sie gerade neugebildet, weil die ersten Zusammenschlüsse zu klein geworden sind. Und darum ist es gut, dass wir nicht eine neue Rechtsgröße aus den Kooperationsräumen gemacht haben, die uns in den Veränderungen fesselt. Vor allem in den Städten, z.B. in Kassel, Marburg, Fulda und Eschwege schließen sich die Gemeinden in einer Region zu einer Gemeinde zusammen. Das sehen wir auch in anderen Landeskirchen. Wir in der EKKW sind zögerlich im Blick auf diese großen Regionalgemeinden, wenn es um die ländlichen Regionen geht, wo die Identifikation noch stark an die eigene Kirche im Dorf gekoppelt ist. 

Vor allem in den ländlichen Regionen ist die große Herausforderung für eine regio-lokale Kirche die Mobilität. Wie weit fahren Menschen für ein kirchliches Angebot? Was bewegt Menschen dazu, für einen Gottesdienst ins Nachbardorf oder in die Nachbargemeinde zu gehen? Inwieweit bleibt die Kirche im Dorf der zentrale Identitätsanker? In den Diasporagebieten unserer Landeskirche kennen die Gemeinden die Herausforderung durch Mobilität schon, andernorts werden wir weiter erproben und Erfahrungen sammeln.

Kirche wird lokaler, funktionaler und hybrider – und braucht neue Leitungsformen, neue Berufsbilder und ein klares Verständnis von Verantwortung in Netzwerken, interprofessionelle Teams, Leiten in unterschiedlichen Fachlichkeiten, und zugleich Zusammenhalt als Landeskirche oder in einem Netz von Landeskirchen.

These 7. Kirche der Zukunft lebt vom ehrenamtlichen Engagement.

Kirchliches Leben wird in Zukunft noch stärker vom Engagement Ehrenamtlicher vor Ort getragen. Hauptamtliche werden dieses Engagement fördern, begleiten und vernetzen.

Eines der Kirchenbilder, das mich geprägt hat, ist das der kirchlichen Orte von Uta Pohl-Patalong. Angesichts der sinkenden Ressourcen, finanziell wie personell, ist für mich klar, dass wir in eine stärker ehrenamtlich getragene Kirche gehen, weg von der Pastorenkirche, die Menschen geistlich betreut und versorgt. Damit ändert sich auch die Rolle der Hauptamtlichen: Sie werden die Ehrenamtlichen, die vor Ort das kirchliche Leben gestalten und tragen, gewinnen, begleiten, ermutigen, orientieren und immer wieder auch verabschieden. Und sie haben die Aufgabe, zu koordinieren, zu vernetzen, gute Ideen und Erfahrungen weiterzugeben etc. 

These 8. Vielfalt ersetzt Einheitlichkeit.

Kirchliches Leben wird regional sehr unterschiedlich aussehen: stark präsent – punktuell exemplarisch – ökumenisch geteilt – sozialräumlich kooperativ – oder auch Lücken lassend. Mut zum Aufhören, um Neues wachsen zu lassen, wird entscheidend. 

Es wird nicht überall das gleiche kirchliche Leben geben. Es wird Regionen mit einer starken evangelischen Präsenz geben, die auch noch ziemlich flächendeckend sein wird. Es wird Regionen geben, in denen Menschen unserer Kirche eher exemplarisch oder punktuell, über Schwerpunktkirchen begegnen werden. Mancherorts wird die evangelische Kirche intensiv mit der katholischen Kirche zusammen Gebäude bewirtschaften und Aufgaben wahrnehmen. Andernorts wird es gute Zusammenarbeit mit der Diakonie und anderen Partnern im Sozialraum geben. 

Manches werden wir loslassen und aufhören, damit sich andere, neue Formen von Kirchesein entwickeln. Es wird vielleicht auch Regionen ohne aktives kirchliches Leben geben. Das hängt davon ab, ob sich Menschen jetzt miteinander auf den Weg machen, um das Kirchesein der Zukunft zu entwickeln oder im Bisherigen verharren. 

Diese Vielfalt ist eine strategische Herausforderung, denn sie bedeutet: Es gibt nicht mehr Normen wie „1700 Menschen – eine Pfarrstelle“, oder: „In jedem Kirchengebäude regelmäßig Gottesdienst nach Agende 1.“

«Manches werden wir loslassen und aufhören, damit sich andere, neue Formen von Kirchesein entwickeln. Es wird vielleicht auch Regionen ohne aktives kirchliches Leben geben. Das hängt davon ab, ob sich Menschen jetzt miteinander auf den Weg machen, um das Kirchesein der Zukunft zu entwickeln oder im Bisherigen verharren. »
Bischöfin Dr. Beate Hofmann
These 9. Kirche bleibt öffentlich – auch als Minderheit.

Das Konzept der „öffentlichen Kirche“ gewinnt gegenüber dem der „Volkskirche“ an Bedeutung. Kirche tritt für ihre Überzeugungen ein, unabhängig von Mitgliedszahlen.

An die Stelle der Volkskirche tritt zunehmend das Konzept der öffentlichen Kirche. Obwohl wir kleiner werden, verlieren wir nicht unseren öffentlichen Auftrag. Kirche ist und bleibt ein gesellschaftlicher Akteur: Anwältin der Schwachen, Stimme für Gerechtigkeit, für Menschenwürde, für Frieden, für Solidarität. 

Kirche der Zukunft ist darum auch weiterhin diakonische Kirche, knüpft Sorgenetze, verknüpft Menschen im Sozialraum und wirkt anwaltschaftlich. 

Unsere Räume – ob Kirchen, Gemeindezentren, Webseiten oder Social Media – sind Orte gesellschaftlicher Verständigung. Aber diese Räume müssen wir aktiv gestalten, denn sie werden nicht mehr selbstverständlich aufgesucht.

These 10. Demokratie braucht kirchliche Orte stärker denn je.

Rechtspopulismus, gesellschaftliche Fragmentierung und das Schwinden demokratischer Grundüberzeugungen fordern Kirche heraus. Räume des Gesprächs, Zuhörens, Streitens und solidarischen Handelns werden gesellschaftlich relevanter – aber schwerer zu halten. Wir suchen die Balance zwischen Parteilichkeit und Verständigung. 

Kirche kann hier Räume anbieten, die anders sind: Räume, in denen Menschen einander zuhören, Fragen stellen, Zweifel äußern, Gedanken teilen. Räume, in denen Vielfalt gelebt wird, ohne dass sie spaltet. Es ist 

These 11. Kirche muss die Balance halten: treu zu den Engagierten – offen zu den Distanzierten.

Die meisten Kirchenmitglieder sind uns fern und denken über Austritt nach. Dem begegnen wir, in dem wir Segen anbieten, gut kommunizieren, exemplarische Kontaktflächen gestalten und Beziehungen pflegen.

Der Balanceakt besteht darin: Die Engagierten brauchen Begleitung, Wertschätzung und Verlässlichkeit. Die Distanzierten brauchen Offenheit, Einladungen und Räume, in denen sie ohne Schwellen begegnen können.

Kirche muss den Spagat wagen und die Balance halten, vielleicht in Rollenteilung. Das verlangt Mitgliederkommunikation, Kasualstrategie und missionale Profilstellen

These 12. ‚Mixed Ecology‘ als Leitbild: Traditionelles und Innovatives nebeneinander denken.

Die Vielfalt verschiedener kirchlicher Ausdrucksformen ist keine Schwäche, sondern theologisch begründet. Sie braucht Rechtsrahmen, geistliche Rückbindung und eine Kultur der wechselseitigen Wertschätzung.

Weil unsere Welt vielfältiger wird, wird auch die Kirche vielfältiger. Traditionelle Formen bleiben wichtig – sie tragen Geschichte und Tiefe. Neue Formen kommen hinzu – sie schaffen Zugänge, die früher nicht möglich waren.

Diese Mischung ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Sie ist Ausdruck der Weite Gottes. Es braucht Räume der Wertschätzung, damit diese Verschiedenheit nicht als Konkurrenz erlebt wird.

Diese Herausforderung, verschiedene Wege des Kircheseins gleichzeitig zu leben, teilen wir mit vielen Kirchen. In der anglikanischen Kirche ist für diese Herausforderung das Bild der „mixed ecology“ gefunden worden, um das Miteinander von traditionellen und innovativen Formen von Kirche zu beschreiben. Mit dem Begriff wird eine Haltung, ein theologisches Konzept und ein rechtlicher Rahmen beschrieben, die dieses Miteinander verschiedener Formen von Kirchesein ermöglichen und ausdrücklich bejahen.

Innovation braucht die Erlaubnis, bestehende Angebote nicht weiterzuführen, um Zeit für Neues zu finden. Wir brauchen die, die Neues gestalten, auch wenn das zu Konflikten führt. Und je mehr das wird, desto drängender wird die Aufgabe, das Miteinander dieser unterschiedlichen Formen des Kircheseins zu gestalten. Auch das ist für das Christentum keine neue Aufgabe. Schon das Apostelkonzil in Apg 15 oder die Evangelien spiegeln das gestaltete und manchmal auch spannungsvolle Miteinander unterschiedlicher Gemeindeformen und unterschiedlicher Selbstverständnisse.

Nicht zurückzuschauen, nicht Vorhersagen machen, sondern auf dem Weg zu bleiben

Diese zwölf Thesen zeigen keine fertige Zukunft. Sie zeigen eine Bewegung. Sie laden ein, nicht zurückzuschauen und nicht Vorhersagen zu machen, sondern auf dem Weg zu bleiben. Sie laden ein, sich der Gegenwart zu stellen, mutig Entscheidungen zu treffen und zugleich dem Geist Gottes zu vertrauen, der uns führt.

Wir wissen nicht, wie Kirche in 20 Jahren aussehen wird. Aber wir wissen, dass Gott mitgeht. Wir wissen, dass Christus uns sendet. Und wir wissen, dass sein Geist uns befähigt, mutig zu handeln – zwischen schon, noch nicht und nicht mehr.

So können wir mit Zuversicht weitergehen: Klar in der Analyse, ehrlich in der Wahrnehmung und hoffnungsvoll im Glauben.

Kirchenturm und -schiff im Spiegel großer Fenster.
«Das Aushalten von Offenheit ist eine Form geistlicher Übung. Es heißt: Wir lassen dem Geist Gottes Raum. Wir nehmen Abschied von der Vorstellung, alles planen zu können. Und wir lernen, in der Ungewissheit zu handeln – nicht leichtfertig, sondern achtsam, sorgfältig und mutig und mit viel Ambiguitätstoleranz.»
Bischöfin Dr. Beate Hofmann