Meine Suche

service
Ein Loch in einem Maschendrahtzaun vor blauem Himmel. Foto: pixabay

Foto: pixabay

In der Bahn

Letztens bin ich mit einer Bekannten in die Bahn eingestiegen, wir wollten beide vom Königsplatz zum Willi-Bahnhof fahren. Wir saßen uns gegenüber und haben geredet, über dieses und jenes. Und dann, kurz nach der Haltestelle Rathaus, sind uns die Gesprächsthemen ausgegangen. Zum vorherigen Thema war alles gesagt und ein Neues wollte mir einfach nicht einfallen. Wir schwiegen und ich glaube, die Willi-Allee war an diesem Abend mindestens doppelt so lang wie sonst. Wer schon einmal in so einer Gesprächssituation war, weiß, wie unangenehm Lücken sein können. 

Unlösbare Aufgabe

Wenn ich an Lücken denke, fallen mir noch mehr unangenehme Momente aus meinem Leben ein: Wie ich in der Analysis-1-Klausur saß und keine der Aufgaben lösen konnte. Ein paar Tage bekam ich meine Wissensdefizite schriftlich bestätigt: „2 von 50 Punkten“ stand auf dem Deckblatt meiner Klausur. Und immer wieder spreche ich mit Studierenden, die sagen: „Ich weiß noch so wenig“ – und die verzweifeln, weil die Lücken übermächtig erscheinen. 

Lücken zeigen mir: Hier fehlt etwas. Und mein erster Impuls ist, sie zu füllen, die Lücken, alle Löcher zu stopfen. Irgendetwas zu sagen, um das Schweigen zu füllen. Alles auswendig zu lernen, um nie wieder überfordert in einer Prüfung zu sitzen. Und ich sehe die Studierenden, die ihre Wissenslücken für so groß halten, dass sie lieber das Fach wechseln oder gleich ihr Studium abbrechen. Nicht immer sind die Lösungen sinnvoll, aber Hauptsache, man sieht keine Lücken mehr. Manchmal führt dieser Drang dazu, dass man nur noch das sieht, was fehlt. 

Goldenes Kalb

Und das geht nicht nur uns heute so. Schon in der Bibel wird erzählt, dass Lücken schwer auszuhalten sind: In Exodus wird beschrieben, dass Mose auf den Berg Sinai stieg, um mit Gott zu reden, 40 Tage und Nächte lang. Eine Ewigkeit. Und als er ausblieb, spürten sie: Da ist eine Lücke. Mose fehlt – und mit ihm auch Gott. 

Und statt diese Lücke auszuhalten, forderten sie Aaron auf: „Mach uns neue Götter, die uns anführen!“ Ihre oberste Priorität war, die Lücke schnell zu füllen, völlig egal wie. Sie gaben all‘ ihren Schmuck her und Aaron machte aus daraus einen neuen Gott, ein goldenes Kalb, das die Israeliten dann anbeten konnten. Gott fand das gar nicht gut: Das Volk hat ihm nicht vertraut, denn sonst hätten sie die gefühlte Abwesenheit ausgehalten. 

Ein gelber Zebrasteifen mit einem Stück abgelösten Streifens (die Lücke). Foto (Ausschnitt): Günter Beck, pfarrbriefservice.de

Foto (Ausschnitt): Günter Beck, pfarrbriefservice.de

Der siebte Tag

Es gibt noch andere biblische Geschichten, in denen Lücken eine Rolle spielen. Oft geht es dabei um wörtliche Lücken, zum Beispiel in der Stadtmauer von Jerusalem. Die vielleicht bekannteste Lücke ist aber eine Metaphorische und sie kommt im ersten Schöpfungsmythos vor. Sie kennen die Geschichte: Gott lässt sechs Tage lang verschiedene Elemente seiner Schöpfung entstehen, Licht, Himmel, Pflanzen, Himmelskörper, Tiere und schließlich Menschen. Und statt sich am siebten Tag um die noch fehlenden Details zu kümmern, Dinosaurier oder Einhörner zum Beispiel, macht Gott: Nichts. Natürlich könnte man sagen: Da ist eine Lücke. Gott hatte an diesem siebten Tag ja nichts zu tun, da hätte man ja das Projekt vor der Abgabe nochmal korrigieren können. Aber nein. Gott macht eine Pause und diese Lücke wird in Gen 2 nicht nur positiv bewertet, sondern sogar gesegnet und zum heiligen Tag erklärt. Eine Einladung Gottes, Leere nicht als Mangel, sondern als Raum zu sehen. 

Platz und Pause

Und tatsächlich: Nicht jede Lücke ist schlecht. Wer verzweifelt einen Parkplatz sucht, jubelt, wenn endlich eine Lücke auftaucht. In mancher Baulücke wachsen Wildblumen und summt das Leben. Und Wissenslücken? Sie zeigen, wo Entwicklung möglich ist. Vielleicht ist das sogar ihr größter Wert: dass sie uns orientieren. Lücken sind wichtig! Nicht umsonst mussten wir im Jugendorchester früher Kuchen mitbringen, wenn wir in der Generalpause gespielt haben. Komponist*innen bauen eine Generalpause ein, wenn eine echte Lücke zu hören sein soll, und dieser Moment, in dem man nichts hört, ist genauso wichtig wie die Melodien und Harmonien, wenn alle spielen oder singen. Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir für jede vergessene oder übersprungene Pause in unserem Alltag Kuchen essen würden? 

Unverständnis

Aus theologischer Sicht gibt es noch eine weitere Lücke, die nicht gefüllt wird; die gar nicht gefüllt werden kann. Wir haben eben im Psalm gebetet: „Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“ In Bezug auf Gott und die Werke, die Gott tut, bleibt immer ein Unverständnis. Diese Verständnislücke zieht sich durch die ganze Bibel: David beschreibt sie in den Psalmen, Hiob in seinen Gebeten zu Gott und Paulus im ersten Brief an die Korinther. Immer wieder wird deutlich: Wir können Gott nicht ganz verstehen. Manche Lücken bleiben. Das gehört zum Mensch-Sein dazu. Und vielleicht finden Sie das genauso befreiend wie ich: Ich muss nicht alles können. Ich kann gar nicht alles können. Und ich bin trotzdem wunderbar geschaffen. Mit all‘ meinen Lücken. 

Licht, das durch einen hohlen Baumstamm fällt. Foto: Sylvio Krüger, pfarrbriefservice.de
«Leonard Cohen hat einmal gesungen: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“ Vielleicht ist das das Geheimnis der Lücke: Durch das, was nicht perfekt ist, kann Licht fallen. Dazu braucht es Mut – Mut zur Lücke.»
Johanna Hindert

Johanna Hindert ist ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Kirchlichen Studierendenbegleitung für Religionspädagogikstudierende (KSB) der EKKW an der Universität Kassel und Kirchenvorsteherin in der Kirchengemeinde Kassel-Stadtmitte. Sie studiert Evangelische Theologie, Romanistik und Mathematik.